Weiter geht es mit den Lieblingspassagen. Heute springen wir mithilfe meines Krimis „Bauernjäger“ aus dem Gmeiner-Verlag zurück in den Juli 1974 und begleiten Helmut Jordan, damals süße 20 und längst noch kein Krminalhauptkommissar, sondern Malergeselle, durch sein Heimatdorf. Am verregneten Morgen des WM-Finales möchte er seine Freundin Elke besuchen …
Eine Leiche am Bahndamm
Eigentlich ein Witz, dass man sich im Juli über 20 Grad und nur leichten Regen freute, dachte er, als er nach rund einer Minute Fußweg den Spielplatz passierte, über die Brücke am Tiefenbach ging und eher zufällig nach rechts Richtung Bahndamm blickte. Er sah ein zweites Mal hin und rieb sich die Augen. Dort lag jemand auf der Wiese zwischen Bahnschienen und Bach. Und schlief? Im Regen? Letzte Nacht betrunken eingeschlafen? Der musste doch längst wach geworden sein …
Ausgerechnet der frühere Nazi
Er bog nach rechts ab. Je näher er dem Menschen kam, desto bewusster wurde ihm, dass etwas Schlimmes passiert war. Der Mann (es war eindeutig einer) lag dort vollkommen reglos, komisch verdreht, halb auf der Seite, halb auf dem Bauch, auch das Gesicht halb zur Seite, halb nach unten gedreht und dadurch unkenntlich. Dennoch konnte er aufgrund der Kleidung und der Statur erkennen, dass es sich um Heinz Schrader handelte.
Von Heinz Schrader hatte Fritz erst kürzlich erzählt, fiel ihm ein. Dass er früher ein Nazi gewesen war und dass Fritz die Wahrheit über den Verrat an Karl suchte. Hoffentlich war es Zufall, dass Schrader dort vollkommen reglos im nassen Gras lag.
Der rote Quadratschädel im Matsch
Mit größter Mühe verdrängte Helmut die Assoziationen, die sich daraus ergeben konnten, und suchte händeringend einen anderen Anknüpfungspunkt zu Schrader. Er fand ihn. Schrader war einer von Vaters Zechkumpanen. Regelmäßig saßen die beiden, sowie einige andere Männer aus dem Dorf, in der Gaststätte und spielten bis tief in die Nacht Karten. 17 und 4, Schlesische Lotterie, Skat.
Dieser Schrader war ein unsympathischer Mensch, jemand, der leicht aus der Haut fuhr, der grundsätzlich einen hochroten Kopf und zweifellos einen erhöhten Blutdruck hatte, der seine Kinder drangsalierte und Schlesier hasste und der beim Kartenspielen Unmengen an Bier und Schnaps in sich hineinschüttete. Und der deshalb auf dem Rückweg vom Dorfkrug gestürzt war und seinen Rausch ausschlief? Seine knapp 1,70 Meter auf dem sumpfigen Gras ausgestreckt, die beige Cordhose komplett durchnässt, genau wie der dunkelbraune Blouson. Der rote Quadratschädel im Matsch, die rotblonden Haare …
Tiefe Wunde
Als er direkt über dem Körper stand, sah er die tiefe Wunde und das Blut an Schraders Kopf. Der Regen hatte es zum Teil vom Kopf gewaschen. Einige, teilweise verkrustete Reste hielten sich hartnäckig. Auch um Schraders Kopf herum war Flüssigkeit, die anders als Regen aussah.
Helmut verharrte über dem leblos wirkenden Bauern, während der stärker werdende Nieselregen seine Haare und seine Kleidung nasser und nasser werden ließ. Wieder vergaß er, seine Kapuze zu benutzen. Er dachte stattdessen an den Kommissar, an Tatort, an Columbo und einige andere Krimis, die er aus dem Fernsehen kannte.
Spuren vernichten
Durfte er Schrader anfassen, um festzustellen, ob dieser lebte? Würde er dabei wertvolle Spuren vernichten? Oder tat er das längst, indem er über die schlammige Wiese trampelte und Fußspuren unkenntlich machte? Konnte man in diesem Morast und bei all dem Regen überhaupt Fußspuren identifizieren? Doch was wäre, wenn Schrader lebte und dies praktisch die letzte Chance war, ihn zu retten? Besser einen Fehler gegenüber der Polizei machen, als ein Menschenleben auf dem Gewissen haben!
Und, vor allem: Warum stellte er sich überhaupt all diese Fragen nach wertvollen Spuren und dachte als Erstes an Krimiserien? Warum fiel ihm umgehend Fritz ein, als er die Wunde an Schraders Kopf entdeckt hatte? Warum ging er nicht einfach davon aus, dass Heinz Schrader unglücklich gestürzt war und sich den Kopf an einem Stein gestoßen hatte?
Beispielsweise, weil dort weit und breit kein Stein lag.
Was es mit dieser Leiche am Bahndamm auf sich hat, warum die Spuren bis zurück ins Jahr 1944 und bis nach vorn in das Jahr 2014 reichen, erfahrt ihr in meinem 2017 bei Gmeiner erschienenen Krimi „Bauernjäger“; mehr Infos natürlich auch in der Rubrik „Meine Bücher“.
2024 erschien im Maximum-Verlag mein Roman „Ewige Schuld“, der die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt.
