Als Helmut Jordan seine erste Leiche fand

22 Apr. 2025

Wei­ter geht es mit den Lieb­lings­pas­sa­gen. Heute sprin­gen wir mit­hilfe mei­nes Kri­mis „Bau­ern­jä­ger“ aus dem Gmei­ner-Ver­lag zurück in den Juli 1974 und beglei­ten Hel­mut Jor­dan, damals süße 20 und längst noch kein Krmi­nal­haupt­kom­mis­sar, son­dern Maler­ge­selle, durch sein Hei­mat­dorf. Am ver­reg­ne­ten Mor­gen des WM-Fina­les möchte er seine Freun­din Elke besu­chen …

Eine Leiche am Bahndamm

Eigent­lich ein Witz, dass man sich im Juli über 20 Grad und nur leich­ten Regen freute, dachte er, als er nach rund einer Minute Fuß­weg den Spiel­platz pas­sierte, über die Brü­cke am Tie­fen­bach ging und eher zufäl­lig nach rechts Rich­tung Bahn­damm blickte. Er sah ein zwei­tes Mal hin und rieb sich die Augen. Dort lag jemand auf der Wiese zwi­schen Bahn­schie­nen und Bach. Und schlief? Im Regen? Letzte Nacht betrun­ken ein­ge­schla­fen? Der musste doch längst wach gewor­den sein …

Ausgerechnet der frühere Nazi

Er bog nach rechts ab. Je näher er dem Men­schen kam, desto bewuss­ter wurde ihm, dass etwas Schlim­mes pas­siert war. Der Mann (es war ein­deu­tig einer) lag dort voll­kom­men reg­los, komisch ver­dreht, halb auf der Seite, halb auf dem Bauch, auch das Gesicht halb zur Seite, halb nach unten gedreht und dadurch unkennt­lich. Den­noch konnte er auf­grund der Klei­dung und der Sta­tur erken­nen, dass es sich um Heinz Schr­a­der han­delte.

Von Heinz Schr­a­der hatte Fritz erst kürz­lich erzählt, fiel ihm ein. Dass er frü­her ein Nazi gewe­sen war und dass Fritz die Wahr­heit über den Ver­rat an Karl suchte. Hof­fent­lich war es Zufall, dass Schr­a­der dort voll­kom­men reg­los im nas­sen Gras lag.

Der rote Quadratschädel im Matsch

Mit größ­ter Mühe ver­drängte Hel­mut die Asso­zia­tio­nen, die sich dar­aus erge­ben konn­ten, und suchte hän­de­rin­gend einen ande­ren Anknüp­fungs­punkt zu Schr­a­der. Er fand ihn. Schr­a­der war einer von Vaters Zech­kum­pa­nen. Regel­mä­ßig saßen die bei­den, sowie einige andere Män­ner aus dem Dorf, in der Gast­stätte und spiel­ten bis tief in die Nacht Kar­ten. 17 und 4, Schle­si­sche Lot­te­rie, Skat.

Die­ser Schr­a­der war ein unsym­pa­thi­scher Mensch, jemand, der leicht aus der Haut fuhr, der grund­sätz­lich einen hoch­ro­ten Kopf und zwei­fel­los einen erhöh­ten Blut­druck hatte, der seine Kin­der drang­sa­lierte und Schle­sier hasste und der beim Kar­ten­spie­len Unmen­gen an Bier und Schnaps in sich hin­ein­schüt­tete. Und der des­halb auf dem Rück­weg vom Dorf­krug gestürzt war und sei­nen Rausch aus­schlief? Seine knapp 1,70 Meter auf dem sump­fi­gen Gras aus­ge­streckt, die beige Cord­hose kom­plett durch­nässt, genau wie der dun­kel­braune Blou­son. Der rote Qua­drat­schä­del im Matsch, die rot­blon­den Haare …

Tiefe Wunde

Als er direkt über dem Kör­per stand, sah er die tiefe Wunde und das Blut an Schr­a­d­ers Kopf. Der Regen hatte es zum Teil vom Kopf gewa­schen. Einige, teil­weise ver­krus­tete Reste hiel­ten sich hart­nä­ckig. Auch um Schr­a­d­ers Kopf herum war Flüs­sig­keit, die anders als Regen aus­sah.

Hel­mut ver­harrte über dem leb­los wir­ken­den Bau­ern, wäh­rend der stär­ker wer­dende Nie­sel­re­gen seine Haare und seine Klei­dung nas­ser und nas­ser wer­den ließ. Wie­der ver­gaß er, seine Kapuze zu benut­zen. Er dachte statt­des­sen an den Kom­mis­sar, an Tat­ort, an Columbo und einige andere Kri­mis, die er aus dem Fern­se­hen kannte.

Spuren vernichten

Durfte er Schr­a­der anfas­sen, um fest­zu­stel­len, ob die­ser lebte? Würde er dabei wert­volle Spu­ren ver­nich­ten? Oder tat er das längst, indem er über die schlam­mige Wiese tram­pelte und Fuß­spu­ren unkennt­lich machte? Konnte man in die­sem Morast und bei all dem Regen über­haupt Fuß­spu­ren iden­ti­fi­zie­ren? Doch was wäre, wenn Schr­a­der lebte und dies prak­tisch die letzte Chance war, ihn zu ret­ten? Bes­ser einen Feh­ler gegen­über der Poli­zei machen, als ein Men­schen­le­ben auf dem Gewis­sen haben!

Und, vor allem: Warum stellte er sich über­haupt all diese Fra­gen nach wert­vol­len Spu­ren und dachte als Ers­tes an Kri­mi­se­rien? Warum fiel ihm umge­hend Fritz ein, als er die Wunde an Schr­a­d­ers Kopf ent­deckt hatte? Warum ging er nicht ein­fach davon aus, dass Heinz Schr­a­der unglück­lich gestürzt war und sich den Kopf an einem Stein gesto­ßen hatte?

Bei­spiels­weise, weil dort weit und breit kein Stein lag.

Was es mit die­ser Lei­che am Bahn­damm auf sich hat, warum die Spu­ren bis zurück ins Jahr 1944 und bis nach vorn in das Jahr 2014 rei­chen, erfahrt ihr in mei­nem 2017 bei Gmei­ner erschie­ne­nen Krimi „Bau­ern­jä­ger“; mehr Infos natür­lich auch in der Rubrik „Meine Bücher“.

2024 erschien im Maxi­mum-Ver­lag mein Roman „Ewige Schuld“, der die Geschichte aus einer ande­ren Per­spek­tive erzählt.

Buchcover von Arne Dessauls Provinzkrimi „Bauernjäger“