Oh je, nun ist es schon wieder sieben Wochen her, dass ich hier über „Ewige Schuld“ geschrieben und euch einen Textauszug versprochen habe. Das hole ich endlich nach.
In diesem kleinen Abschnitt aus dem Epilog verarbeite ich – nach dem 1. Kapitel in „Die Neue Mauer“ – zum zweiten Mal ein einschneidendes Erlebnis aus dem Juni 1987.
Bowie, Genesis, Eurythmics
Ich nahm als Kampfrichter (für Schleuderballweitemessen) am Deutschen Turnfest in Westberlin teil, hörte mir als Zaungast das Megakonzert am Reichstag – Bowie, Genesis, Eurythmics – an und war ansonsten viel mit der BVG unterwegs.
Einmal fuhr ich mit der legendären U‑Bahnlinie 1 bis zur Endstation Schlesisches Tor. Ich erinnere mich an eine abgerockte Kfz-Werkstatt und Endzeitstimmung, zu der die Werkstatt ihren Teil beitrug. Es war beklemmend. Zugleich spannend.
Freda und Fritz
So liest sich diese Erinnerung in „Ewige Schuld“, wo die Liebe zwischen Freda und Fritz (dem Ich-Erzähler) eine zentrale Rolle spielt, was man sich angesichts der folgenden Zeilen bestimmt eh gedacht hätte:
Den Jahreswechsel 1974 auf 1975 feierten Freda und ich in ihrer WG, zusammen mit fünfzig und mehr Leuten, Studenten, Dichter, Musiker. Ein bunter Haufen, ein rauschendes Fest im wörtlichen Sinne.
Berlin tat ihr gut
Beinahe nebenbei löste ich mein Versprechen ein, in Fredas Gegenwart Marihuana zu rauchen. Freda zeigte sich standhaft, gab sich mit dem Duft zufrieden, verhielt sich auch bei Wein und Bier diszipliniert. Beim Tanzen weniger. So wild hatte ich sie nie zuvor erlebt. Berlin tat ihr eindeutig gut.
Gegen fünf Uhr verließen wir die nicht enden wollende Party, um in meiner WG wenigstens etwas Schlaf zu finden. Doch der erstaunlich milde Morgen animierte uns spontan zu einem Spaziergang quer durch Kreuzberg. Ich wurde mit jedem Schritt nüchterner. Hier und dort trafen wir andere Menschen, torkelnd auf dem Weg nach Hause oder letzte Feuerwerkskörper zündend.
Wir liefen die komplette Skalitzer Straße unter der Hochbahn her und erreichten schließlich die Endstation Schlesisches Tor und den klitzekleinen Rest Westberlin dahinter.
Für uns beide war diese Gegend Neuland, und obwohl wir die Mauer kannten, ein echter Schock. Hier wartete das Ende der Welt auf uns, zumindest das Ende der freien Welt. Wir fühlten uns umzingelt von Grenzen; neben der Mauer, die uns finster anstarrte, bildeten Spree und Kanal zusätzliche Sperren. Die ganze grausige Szenerie von funzligen Straßenlaternen im Westen und von grellen Scheinwerfern im Osten inszeniert.
Nur ein Ausweg
Es schien nur einen Weg zu geben, der aus dieser Sackgasse herausführte: umkehren, die Skalitzer Straße entlang westwärts. Die anderen Wege, wir probierten sie alle aus, endeten an einer der Grenzen oder im von Gestrüpp und Unrat verseuchten Niemandsland
Erschöpft setzten wir uns auf eine der wenigen Bänke. Freda holte ihren Tabak hervor. Wir kurbelten schweigend.
„Unser erstes Silvester in Berlin endet ausgerechnet hier“, unterbrach sie die Stille.
„Es ist trotzdem schön“, tröstete ich sie. „Ich genieße jede Sekunde mit dir. Selbst an diesem apokalyptischen Ort. Außerdem werden diesem Silvester viele, viele weitere für uns zwei folgen.“
„Ja.“ Freda strahlte mich an, mit Mund und Augen, wie nur sie es vermochte. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Was ist?“
Plötzlich Millennium
„Frag mich bitte nicht warum, aber ich musste gerade an den Neujahrsmorgen in fünfundzwanzig Jahren denken.“
Ich rechnete nach und mir wurde klar, was Freda meinte. „Dann sitzen wir auch hier. Um exakt diese Uhrzeit.“
Freda nahm meine Hand. „Unbedingt.“
„Unbedingt“, wiederholte ich.
„Versprich es mir, Fritz.“ Sie sah auf die Uhr. „Na ja, nicht auf die Minute genau, aber am 1. Januar 2000 treffen wir uns hier, sagen wir: um acht Uhr. Und egal, wie es dann zwischen uns bestellt ist, kommt jeder für sich. Ja?“
Ich nickte. „Ich werde hier sein.“
Romantiker vs. Zyniker
Ob Freda am frühen Morgen des 1. Januar 2000 tatsächlich an der U‑Bahnstation Schlesisches Tor auftaucht und ob Fritz dort auf sie wartet, erfährt man auf den allerletzten Seiten von „Ewige Schuld“. Ich war beim Schreiben lange hin und her gerissen. Hier der Romantiker in mir, da der Zyniker. Wer behielt wohl am Ende die Oberhand?
