EWIGE SCHULD, DIESMAL MIT TEXTPROBE

11 Nov. 2025

Oh je, nun ist es schon wie­der sie­ben Wochen her, dass ich hier über „Ewige Schuld“ geschrie­ben und euch einen Text­aus­zug ver­spro­chen habe. Das hole ich end­lich nach.

In die­sem klei­nen Abschnitt aus dem Epi­log ver­ar­beite ich – nach dem 1. Kapi­tel in „Die Neue Mauer“ – zum zwei­ten Mal ein ein­schnei­den­des Erleb­nis aus dem Juni 1987.

Bowie, Genesis, Eurythmics

Ich nahm als Kampf­rich­ter (für Schleu­der­ball­wei­temes­sen) am Deut­schen Turn­fest in West­ber­lin teil, hörte mir als Zaun­gast das Mega­kon­zert am Reichs­tag – Bowie, Gene­sis, Euryth­mics – an und war ansons­ten viel mit der BVG unter­wegs.

Ein­mal fuhr ich mit der legen­dä­ren U‑Bahnlinie 1 bis zur End­sta­tion Schle­si­sches Tor. Ich erin­nere mich an eine abge­rockte Kfz-Werk­statt und End­zeit­stim­mung, zu der die Werk­statt ihren Teil bei­trug. Es war beklem­mend. Zugleich span­nend.

Freda und Fritz

So liest sich diese Erin­ne­rung in „Ewige Schuld“, wo die Liebe zwi­schen Freda und Fritz (dem Ich-Erzäh­ler) eine zen­trale Rolle spielt, was man sich ange­sichts der fol­gen­den Zei­len bestimmt eh gedacht hätte:

Den Jah­res­wech­sel 1974 auf 1975 fei­er­ten Freda und ich in ihrer WG, zusam­men mit fünf­zig und mehr Leu­ten, Stu­den­ten, Dich­ter, Musi­ker. Ein bun­ter Hau­fen, ein rau­schen­des Fest im wört­li­chen Sinne.

Berlin tat ihr gut

Bei­nahe neben­bei löste ich mein Ver­spre­chen ein, in Fre­das Gegen­wart Mari­huana zu rau­chen. Freda zeigte sich stand­haft, gab sich mit dem Duft zufrie­den, ver­hielt sich auch bei Wein und Bier dis­zi­pli­niert. Beim Tan­zen weni­ger. So wild hatte ich sie nie zuvor erlebt. Ber­lin tat ihr ein­deu­tig gut.

Gegen fünf Uhr ver­lie­ßen wir die nicht enden wol­lende Party, um in mei­ner WG wenigs­tens etwas Schlaf zu fin­den. Doch der erstaun­lich milde Mor­gen ani­mierte uns spon­tan zu einem Spa­zier­gang quer durch Kreuz­berg. Ich wurde mit jedem Schritt nüch­ter­ner. Hier und dort tra­fen wir andere Men­schen, tor­kelnd auf dem Weg nach Hause oder letzte Feu­er­werks­kör­per zün­dend.

Wir lie­fen die kom­plette Ska­lit­zer Straße unter der Hoch­bahn her und erreich­ten schließ­lich die End­sta­tion Schle­si­sches Tor und den klit­ze­klei­nen Rest West­ber­lin dahin­ter.

Für uns beide war diese Gegend Neu­land, und obwohl wir die Mauer kann­ten, ein ech­ter Schock. Hier war­tete das Ende der Welt auf uns, zumin­dest das Ende der freien Welt. Wir fühl­ten uns umzin­gelt von Gren­zen; neben der Mauer, die uns fins­ter anstarrte, bil­de­ten Spree und Kanal zusätz­li­che Sper­ren. Die ganze grau­sige Sze­ne­rie von funz­li­gen Stra­ßen­la­ter­nen im Wes­ten und von grel­len Schein­wer­fern im Osten insze­niert.

Nur ein Ausweg

Es schien nur einen Weg zu geben, der aus die­ser Sack­gasse her­aus­führte: umkeh­ren, die Ska­lit­zer Straße ent­lang west­wärts. Die ande­ren Wege, wir pro­bier­ten sie alle aus, ende­ten an einer der Gren­zen oder im von Gestrüpp und Unrat ver­seuch­ten Nie­mands­land

Erschöpft setz­ten wir uns auf eine der weni­gen Bänke. Freda holte ihren Tabak her­vor. Wir kur­bel­ten schwei­gend.

„Unser ers­tes Sil­ves­ter in Ber­lin endet aus­ge­rech­net hier“, unter­brach sie die Stille.

„Es ist trotz­dem schön“, trös­tete ich sie. „Ich genieße jede Sekunde mit dir. Selbst an die­sem apo­ka­lyp­ti­schen Ort. Außer­dem wer­den die­sem Sil­ves­ter viele, viele wei­tere für uns zwei fol­gen.“

„Ja.“ Freda strahlte mich an, mit Mund und Augen, wie nur sie es ver­mochte. Dann schüt­telte sie den Kopf.

„Was ist?“

Plötzlich Millennium

„Frag mich bitte nicht warum, aber ich musste gerade an den Neu­jahrs­mor­gen in fünf­und­zwan­zig Jah­ren den­ken.“

Ich rech­nete nach und mir wurde klar, was Freda meinte. „Dann sit­zen wir auch hier. Um exakt diese Uhr­zeit.“

Freda nahm meine Hand. „Unbe­dingt.“

„Unbe­dingt“, wie­der­holte ich.

„Ver­sprich es mir, Fritz.“ Sie sah auf die Uhr. „Na ja, nicht auf die Minute genau, aber am 1. Januar 2000 tref­fen wir uns hier, sagen wir: um acht Uhr. Und egal, wie es dann zwi­schen uns bestellt ist, kommt jeder für sich. Ja?“

Ich nickte. „Ich werde hier sein.“

Romantiker vs. Zyniker

Ob Freda am frü­hen Mor­gen des 1. Januar 2000 tat­säch­lich an der U‑Bahnstation Schle­si­sches Tor auf­taucht und ob Fritz dort auf sie war­tet, erfährt man auf den aller­letz­ten Sei­ten von „Ewige Schuld“. Ich war beim Schrei­ben lange hin und her geris­sen. Hier der Roman­ti­ker in mir, da der Zyni­ker. Wer behielt wohl am Ende die Ober­hand?