Auf dem Friedhof meines Heimatdorfes gibt es ein Grab, das etwas abseits liegt, oberhalb der unscheinbaren Kapelle, direkt am Jägerzaun, der den Friedhof von den Äckern dahinter abgrenzt. Vier Männer sind dort begraben, russische Soldaten, 1941 oder 1942 in einem Kriegsgefangenlager unweit des Dorfes gestorben.
Woran genau sie gestorben sind, ist (mir) nicht bekannt. Man braucht jedoch nicht allzu viel Fantasie, um sich mögliche Todesarten russischer Kriegsgefangener in deutschen Lagern während des Zweiten Weltkriegs vorzustellen.
Das Grab wirkt gepflegt, der Grabstein scheint irgendwann seit meinem Wegzug Ende der Achtzigerjahre erneuert worden zu sein. Logisch, im Dorf fühlt man sich noch immer schuldig. Nein, das ist falsch: Im Dorf leben einige Menschen, die sich noch immer schuldig fühlen. Gewiss nicht die Mehrheit, aus unterschiedlichen Gründen.
Unsere ewige Schuld
Aber das wäre eine andere Geschichte, ich erzähle hier lieber meine: Ich bin mit dieser Schuld aufgewachsen, also mit dieser ewigen Schuld, die wir Deutschen uns im Zweiten Weltkrieg aufgeladen haben. Das Grab der vier Russen war und ist für mich das Symbol dieser Schuld, es steht für alle durch deutsche Hände ermordeten Menschen in der gesamten NS-Zeit.
Das ist einerseits irrational, da ich zwanzig Jahre nach Kriegsende geboren wurde. Andererseits halte ich es trotzdem für richtig – und ich kann eh nicht aus meiner Haut heraus. Es steckt in mir drin.
Okay, ich bin jetzt nicht Schriftsteller geworden, um diese ewige Schuld zu verarbeiten. Nachdem ich 2016 mein erstes Buch „Trittbrettmörder“ im Gmeiner-Verlag veröffentlicht hatte, fiel mir aber rasch ein, dass ich dieses neue Talent dazu benutzen könnte, mich meiner Schuld zu stellen. Das tat ich erstmals in meinem zweiten Krimi „Bauernjäger“, 2017 ebenfalls bei Gmeiner erschienen.
In „Bauernjäger“ liegen allerdings nicht vier Russen auf dem Friedhof, sondern zwei. Ich gab ihnen die wenig einfallsreichen Namen Iwan und Pawel. Ich hauchte ihnen aber immerhin Leben ein. In meiner Fantasie waren Iwan und Pawel keine Kriegsgefangenen, sondern Zwangsarbeiter auf dem Hof der strammsten Nazis im Dorf. Sie kamen im Sommer 1944 unter mysteriösen Umständen ums Leben, die – Spoiler – nichts mit den Todesursachen in Kriegsgefangenlagern zu tun haben.
Ein unaufgeklärter Mord
Ihr Tod wirkt auch dreißig Jahre später noch nach. Und wie! Ein Mitglied der erwähnten Bauernfamilie, Heinz Schrader, wird mit einem Stein erschlagen. Das Motiv scheint in eben jener finsteren Vergangenheit zu liegen. 1974 gelingt es der Polizei nicht, den Mord aufzuklären.
Das schafft erst der Held meiner frühen Bücher, Kriminalkommissar Helmut Jordan, vierzig Jahre später. Da er zwischen Recht und Gerechtigkeit zu unterscheiden vermag, belässt Helmut es dabei, die Wahrheit herauszufinden und den Täter damit zu konfrontieren.
Große Überraschung: Iwan und Pawel spukten trotz „Bauernjäger“ weiterhin in meinem Kopf herum. Erst recht die Umstände, die 1974 eine Kettenreaktion auslösten und am Ende zum Mord an Heinz Schrader führten. Darum erzähle ich die Geschichte des Sommers 1974 in „Ewige Schuld“ ein zweites Mal und aus komplett anderer Perspektive.
Entwicklungsroman mit Toten
„Ewige Schuld“ ist kein reiner Krimi, eher ein Entwicklungsroman mit Mord. Okay, mit Morden, um genau zu sein. Ich zeichne die Entwicklung von Fritz Tiedemann nach. Der Abiturient gräbt tief in der (fiktiven) Geschichte seines und zugleich meines Heimatdorfes. Und ja, selbstverständlich löst niemand anders als Fritz die erwähnte Kettenreaktion aus – und macht sich dadurch ebenfalls schuldig, zumindest in seinen Augen.
Dass es sich auch bei Fritz um eine ewige Schuld, bei ihm sogar um eine zweifache Schuld, handelt, findet er erst 2014 zufällig heraus. Für einen Moment glaubt er, wenigstens eine Schuld sühnen zu können. Doch Fritz täuscht sich.
Täusche auch ich mich, meine ewige Schuld durch das Schreiben zweier Romane verarbeitet zu haben? Wer weiß? Manchmal sehe ich den neunjährigen Arne durch die Straßen unseres Dorfes flitzen. Wie hätte er die Recherche des Fritz Tiedemann zur Nazi-Vergangenheit des Ortes und seiner Bewohner erlebt? Hätte er sie überhaupt erlebt?
Den Mord an Heinz Schrader und die vergebliche Aufklärung des Verbrechens hätten den kleinen Arne auf jeden Fall beschäftigt. Bestimmt versteckten er und seine Freunde sich im Gebüsch in der Nähe des Tatorts, um die Arbeit der Polizei genauestens zu beobachten. Manchmal verbargen sie sich wohl auch im Schatten einer Platane, um einen Blick auf die schöne Gemeindesekretärin zu erhaschen, während diese sich in ihrem Haus ihrer Jacke entledigte und ihrer …
Die Vergangenheit lässt mich nicht los
Ich sehe schon: Die Vergangenheit lässt mich nicht los. Andererseits platzt dieser Blogbeitrag so langsam aus allen Nähten. Dabei serviere ich noch nicht einmal eine Leseprobe. Das hole ich demnächst nach. „Ewige Schuld“ verdient (mindestens) zwei Blogbeiträge, schließlich ist es mein persönlichstes Buch. Der zweite Blogbeitrag folgt demnächst.
Große Ehre! „Ewige Schuld“ war nominiert für den Buchpreis „Pflichtlektüre Niedersachsen“ der Niedersächsischen Landesbibliothek. Es hatte die Jury durchweg überzeugt. Juhu! So etwas geht ja immer runter wie geschnitten Öl. Oder wie das heißt …
