Ewige Schuld

23 Sep. 2025

Auf dem Fried­hof mei­nes Hei­mat­dor­fes gibt es ein Grab, das etwas abseits liegt, ober­halb der unschein­ba­ren Kapelle, direkt am Jäger­zaun, der den Fried­hof von den Äckern dahin­ter abgrenzt. Vier Män­ner sind dort begra­ben, rus­si­sche Sol­da­ten, 1941 oder 1942 in einem Kriegs­ge­fan­gen­la­ger unweit des Dor­fes gestor­ben.

Woran genau sie gestor­ben sind, ist (mir) nicht bekannt. Man braucht jedoch nicht allzu viel Fan­ta­sie, um sich mög­li­che Todes­ar­ten rus­si­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner in deut­schen Lagern wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs vor­zu­stel­len.

Das Grab wirkt gepflegt, der Grab­stein scheint irgend­wann seit mei­nem Weg­zug Ende der Acht­zi­ger­jahre erneu­ert wor­den zu sein. Logisch, im Dorf fühlt man sich noch immer schul­dig. Nein, das ist falsch: Im Dorf leben einige Men­schen, die sich noch immer schul­dig füh­len. Gewiss nicht die Mehr­heit, aus unter­schied­li­chen Grün­den.

Unsere ewige Schuld

Aber das wäre eine andere Geschichte, ich erzähle hier lie­ber meine: Ich bin mit die­ser Schuld auf­ge­wach­sen, also mit die­ser ewi­gen Schuld, die wir Deut­schen uns im Zwei­ten Welt­krieg auf­ge­la­den haben. Das Grab der vier Rus­sen war und ist für mich das Sym­bol die­ser Schuld, es steht für alle durch deut­sche Hände ermor­de­ten Men­schen in der gesam­ten NS-Zeit.

Das ist einer­seits irra­tio­nal, da ich zwan­zig Jahre nach Kriegs­ende gebo­ren wurde. Ande­rer­seits halte ich es trotz­dem für rich­tig – und ich kann eh nicht aus mei­ner Haut her­aus. Es steckt in mir drin.

Okay, ich bin jetzt nicht Schrift­stel­ler gewor­den, um diese ewige Schuld zu ver­ar­bei­ten. Nach­dem ich 2016 mein ers­tes Buch „Tritt­brett­mör­der“ im Gmei­ner-Ver­lag ver­öf­fent­licht hatte, fiel mir aber rasch ein, dass ich die­ses neue Talent dazu benut­zen könnte, mich mei­ner Schuld zu stel­len. Das tat ich erst­mals in mei­nem zwei­ten Krimi „Bau­ern­jä­ger“, 2017 eben­falls bei Gmei­ner erschie­nen.

In „Bau­ern­jä­ger“ lie­gen aller­dings nicht vier Rus­sen auf dem Fried­hof, son­dern zwei. Ich gab ihnen die wenig ein­falls­rei­chen Namen Iwan und Pawel. Ich hauchte ihnen aber immer­hin Leben ein. In mei­ner Fan­ta­sie waren Iwan und Pawel keine Kriegs­ge­fan­ge­nen, son­dern Zwangs­ar­bei­ter auf dem Hof der stramms­ten Nazis im Dorf. Sie kamen im Som­mer 1944 unter mys­te­riö­sen Umstän­den ums Leben, die – Spoi­ler – nichts mit den Todes­ur­sa­chen in Kriegs­ge­fan­gen­la­gern zu tun haben.

Ein unaufgeklärter Mord

Ihr Tod wirkt auch drei­ßig Jahre spä­ter noch nach. Und wie! Ein Mit­glied der erwähn­ten Bau­ern­fa­mi­lie, Heinz Schr­a­der, wird mit einem Stein erschla­gen. Das Motiv scheint in eben jener fins­te­ren Ver­gan­gen­heit zu lie­gen. 1974 gelingt es der Poli­zei nicht, den Mord auf­zu­klä­ren.

Das schafft erst der Held mei­ner frü­hen Bücher, Kri­mi­nal­kom­mis­sar Hel­mut Jor­dan, vier­zig Jahre spä­ter. Da er zwi­schen Recht und Gerech­tig­keit zu unter­schei­den ver­mag, belässt Hel­mut es dabei, die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den und den Täter damit zu kon­fron­tie­ren.

Große Über­ra­schung: Iwan und Pawel spuk­ten trotz „Bau­ern­jä­ger“ wei­ter­hin in mei­nem Kopf herum. Erst recht die Umstände, die 1974 eine Ket­ten­re­ak­tion aus­lös­ten und am Ende zum Mord an Heinz Schr­a­der führ­ten. Darum erzähle ich die Geschichte des Som­mers 1974 in „Ewige Schuld“ ein zwei­tes Mal und aus kom­plett ande­rer Per­spek­tive.

Entwicklungsroman mit Toten

„Ewige Schuld“ ist kein rei­ner Krimi, eher ein Ent­wick­lungs­ro­man mit Mord. Okay, mit Mor­den, um genau zu sein. Ich zeichne die Ent­wick­lung von Fritz Tie­de­mann nach. Der Abitu­ri­ent gräbt tief in der (fik­ti­ven) Geschichte sei­nes und zugleich mei­nes Hei­mat­dor­fes. Und ja, selbst­ver­ständ­lich löst nie­mand anders als Fritz die erwähnte Ket­ten­re­ak­tion aus – und macht sich dadurch eben­falls schul­dig, zumin­dest in sei­nen Augen.

Dass es sich auch bei Fritz um eine ewige Schuld, bei ihm sogar um eine zwei­fa­che Schuld, han­delt, fin­det er erst 2014 zufäl­lig her­aus. Für einen Moment glaubt er, wenigs­tens eine Schuld süh­nen zu kön­nen. Doch Fritz täuscht sich.

Täu­sche auch ich mich, meine ewige Schuld durch das Schrei­ben zweier Romane ver­ar­bei­tet zu haben? Wer weiß? Manch­mal sehe ich den neun­jäh­ri­gen Arne durch die Stra­ßen unse­res Dor­fes flit­zen. Wie hätte er die Recher­che des Fritz Tie­de­mann zur Nazi-Ver­gan­gen­heit des Ortes und sei­ner Bewoh­ner erlebt? Hätte er sie über­haupt erlebt?

Den Mord an Heinz Schr­a­der und die ver­geb­li­che Auf­klä­rung des Ver­bre­chens hät­ten den klei­nen Arne auf jeden Fall beschäf­tigt. Bestimmt ver­steck­ten er und seine Freunde sich im Gebüsch in der Nähe des Tat­orts, um die Arbeit der Poli­zei genau­es­tens zu beob­ach­ten. Manch­mal ver­bar­gen sie sich wohl auch im Schat­ten einer Pla­tane, um einen Blick auf die schöne Gemein­de­se­kre­tä­rin zu erha­schen, wäh­rend diese sich in ihrem Haus ihrer Jacke ent­le­digte und ihrer …

Die Vergangenheit lässt mich nicht los

Ich sehe schon: Die Ver­gan­gen­heit lässt mich nicht los. Ande­rer­seits platzt die­ser Blog­bei­trag so lang­sam aus allen Näh­ten. Dabei ser­viere ich noch nicht ein­mal eine Lese­probe. Das hole ich dem­nächst nach. „Ewige Schuld“ ver­dient (min­des­tens) zwei Blog­bei­träge, schließ­lich ist es mein per­sön­lichs­tes Buch. Der zweite Blog­bei­trag folgt dem­nächst.

Große Ehre! „Ewige Schuld“ war nomi­niert für den Buch­preis „Pflicht­lek­türe Nie­der­sach­sen“ der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­bi­blio­thek. Es hatte die Jury durch­weg über­zeugt. Juhu! So etwas geht ja immer run­ter wie geschnit­ten Öl. Oder wie das heißt …

Buchcover von Arne Dessauls Roman „Ewige Schuld“