In diesem Beitrag verrate ich erstmals einer breiten Öffentlichkeit, dass ich eine Idee gestohlen habe – jene für meinen 2019 erschienenen Krimi „Tödlicher Halt“. Das Opfer ist ein Student, der Mitte der Neunzigerjahre auf die verrückte Idee kam, ein Buch mit politischer Botschaft zu schreiben.
„Kastanien ins Feuer“
Offenbar getrieben von den Gräueltaten von Neonazis in Solingen, Hoyerswerda, Mölln und Lichtenhagen wollte er wohl ein Zeichen setzen und ließ in seinem Werk mit dem mystischen Titel „Kastanien ins Feuer“ acht Skinheads sterben, erschossen von den Studenten Daniel und Bernd, die für einen Hehler Waffen transportierten und zufällig am Tatort landeten.
Daniel versucht später, die Tat vor sich zu rechtfertigen: Man müsse die Kastanien ins Feuer werfen, also vernichten, bevor sie zu viel Schaden anrichten. Mögliche Erklärung: Kastanien sind irgendwie braun (wie Nazis); und es gibt dieses Sprichwort mit den Kastanien, die man aus dem Feuer holt. Puh. Was so in den Köpfen mancher Studenten vor sich geht.
„Das Massaker von Wittmar“
Beim „Massaker von Wittmar“, wie die Medien im Buch die Hinrichtung der Skins nennen, ermittelt ein Kriminalkommissar aus einem Kaff an der früheren Zonengrenze. Am Ende gibt es als Showdown eine Hommage an den Film „Butch Cassidy and The Sundance Kid“.
Soweit zu „Kastanien ins Feuer“. Wer „Tödlicher Halt“ kennt, wird verstehen, was ich meine: Die Geschichten ähneln einander sehr. Der Kriminalkommissar in „Tödlicher Halt“ heißt selbstverständlich Helmut Jordan, es ist sein allererster großer Fall. Er bekommt im geklauten Buch wesentlich mehr Raum als im Original. Vor allem bekommt er einen weiteren Fall, bei dem er in Notwehr von seiner Schusswaffe Gebrauch macht, wie es so schön im Beamtenjargon heißt.
Die Studenten heißen noch immer Daniel und Bernd – und zusammen mit ihnen fragen sich Helmut Jordan und alle Leser: Durften sie acht Skins erschießen, um einem türkischen Gastwirt das Leben zu retten? Oder: Wo endet Zivilcourage und wo beginnt Mord?

In beiden Werken bleibt die Frage unbeantwortet. Ein bisschen was können schließlich auch die Leser leisten. Oder ist dies zu viel verlangt? Einige mochten jedenfalls das in vielerlei Hinsicht offene Ende von „Tödlicher Halt“ nicht. Erwarten sie, dass der Autor alle Frage beantwortet? Das sind grundlegende Themen bei Kunstwerken, denke ich. Richtig oder falsch ergeben sich nicht von selbst.
Ihr könnt es euch längst denken: Ich habe mich selbst bestohlen. Ich wollte versuchen, aus einer unreifen Geschichte das Beste herauszuholen. Einige Passagen habe ich unverändert gelassen – als Student hatte ich mich etwas besser in Daniels Kopf hineinversetzen können als mit Anfang 50.
Die Frage nach der Schuld
Wahrscheinlich würde ich das Buch heute anders schreiben. Oder gar nicht. Ich bin froh, dass ich es in den Neunzigern geschrieben und 25 Jahre später, in geänderter Fassung, veröffentlicht habe – dass der Krimi existiert und gelesen wird. Es atmet den Geist einer Zeit, in der Menschen Häuser anzündeten und andere Menschen zu Tode prügelten. Ich möchte nicht, dass sich das wiederholt.
Das beantwortet nicht die Frage nach der Schuld von Daniel und Bernd. Lest bitte das Buch (falls noch nicht geschehen) und bildet euch eine Meinung. Verratet mir gern diese Meinung, auf welchem Kanal auch immer.
Darauf kannst du dich freuen, wenn du „Tödlicher Halt“ liest:
- Mehrfachmord
- Skins
- Wiedervereinigung
- Neunzigerjahre
- Rassismus
- Erster Fall
- Niedersachsen + Wolfenbüttel + Harz
- Zivilcourage oder Mord??
- Dilemma
Ein signiertes Exemplar von Tödlicher Halt erhalten.
