Lucky Luke

2 Sep. 2025

Neu­lich kramte ich in einer alten Holz­kiste, suchte eines der weni­gen Kin­der­bü­cher, die wir behal­ten haben, weil es uns allen so gut gefal­len hat („Der Schnee­rabe“ von Bruno Häch­ler und Birte Mül­ler, 2002 im dama­li­gen Michael Neu­ge­bauer Ver­lag erschie­nen), stol­perte dabei über den klei­nen Rest an Comics, den ich aus ähn­lich sen­ti­men­ta­len Grün­den in der­sel­ben alten Kiste auf­be­wahre, das Beste von „Aste­rix“, „Lucky Luke“ und „Leut­nant Blueberry“.

Mein liebster Lucky-Luke-Band

Schon blät­terte ich in „Die Post­kut­sche“, mei­nem liebs­ten Lucky-Luke-Band. Er ist alt genug (1977), dass der Revol­ver­held Lucky Luke noch raucht – bezie­hungs­weise … Nein, dazu gleich. Ich habe aus Inter­esse direkt mal eif­rig recher­chiert und fand her­aus, dass er seit 1983 nicht mehr raucht. Ich hätte schwö­ren kön­nen, dass es nicht ein­mal halb so lang her ist.

Der Comic­zeich­ner Mor­ris, Erfin­der der Figur, hat es Lucky Luke gewis­ser­ma­ßen abge­wöhnt. Wie groß der Druck auf Mor­ris Anfang der Acht­zi­ger­jahre gewe­sen sein mag? Keine Ahnung. Viel­leicht gab es kei­nen Druck? Angeb­lich erschien ein nicht­rau­chen­der Held geeig­ne­ter für den US-ame­ri­ka­ni­schen Markt. Egal. So tief wollte ich nicht ins Thema ein­tau­chen. Und: Mor­ris erhielt 1988 einen Preis für seine Ent­schei­dung.

Ich war schon als Teenager komisch

Egal, in mei­nem Kopf setzte sich eine Asso­zia­ti­ons­kette in Bewe­gung, die in fol­gende pla­ka­tive Aus­sage mün­dete: „Wie ein zufäl­lig wie­der­ent­deck­ter Comic mein Selbst­bild gehö­rig ins Wan­ken brachte“. Jahr­zehn­te­lang bin ich näm­lich davon aus­ge­gan­gen, dass ich erst mit zuneh­men­dem Alter immer wun­der­li­cher gewor­den bin. Stimmt nicht. Ich war schon als Teen­ager komisch und fand es damals (wie heute) voll­kom­men sinn­frei, dass Lucky Luke mit dem Rau­chen auf­hört.

Das hängt mit ähn­li­chen Beob­ach­tun­gen zusam­men, die ich bereits bei „Pumuckl“ ange­stellt habe: Lucky Luke ist eine Zei­chen­trick­fi­gur, noch nicht ein­mal eine rea­lis­tisch gezeich­nete. Obwohl er seit fast 80 Jah­ren durch die Prä­rie rei­tet, ist er kei­nen Tag geal­tert. Er trifft so unge­fähr alle Berühmt­hei­ten, die in der zwei­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts in Nord- und Mit­tel­ame­rika leb­ten und wirk­ten. Er zieht schnel­ler als sein Schat­ten. Er unter­hält sich mit sei­nem spre­chen­den Pferd Jolly Jum­per.

Raucht Lucky Luke wirklich?

Und zu Beginn, von 1946 bis 1983, „raucht“ nun also die­ser Lucky Luke? Nein, es müsste hei­ßen: Eine idea­lis­tisch gezeich­nete Comic­fi­gur „raucht“ Ziga­ret­ten, die eben­falls gezeich­net sind. Es han­delt sich folg­lich weder um einen ech­ten Men­schen noch um echte Ziga­ret­ten. Eine Gefähr­dung der Gesund­heit fin­det dem­nach allen­falls in den Köp­fen eini­ger Leser statt.

Damit nicht genug: Ich habe mal ein­ge­hend alle Bild­chen in mei­nen drei übrig­ge­blie­be­nen Lucky-Luke-Bän­den stu­diert: Der Kerl raucht gar nicht rich­tig! Ent­we­der dreht er gerade eine Ziga­rette oder ihm klebt eine Kippe an der Unter­lippe – eine Kippe wohl­ge­merkt, die nicht qualmt, im Gegen­satz zu so man­chen Zigar­ren, die seine Gesprächs­part­ner paf­fen.

Spä­tes­tens mit die­ser letz­ten Beob­ach­tung hat sich auch die Vor­bild­frage erle­digt: Jemand (der ohne­hin nur erfun­den ist, idea­lis­tisch gezeich­net und der ins­ge­samt kom­plett unrea­lis­tisch daher­kommt), der nicht raucht, kann andere nicht zum Rau­chen ani­mie­ren.

Es war nicht Lucky Luke, es war Axel Nord

Exkurs, heute gern als „anek­do­ti­sche Evi­denz“ ver­un­glimpft: Mich hat Axel Nord ani­miert, ein aus­rei­chend ange­sag­ter Mit­schü­ler, der mir eine Schach­tel Marl­boro hin­hielt, bei sei­nen Eltern im Par­ty­kel­ler, irgend­wann zu Anfang der neun­ten Klasse. Ich schätze, bei den meis­ten Rau­chern war es ein Axel Nord. Oder eine Alex­an­dra. Oder es war Camel Fil­ter …

Ja, ja, ich weiß, dass Lucky Lukes Beliebt­heit unter sei­ner plötz­li­chen Abs­ti­nenz nicht gelit­ten hat, dass es genü­gend Lesern egal war, dass er sich statt der Kippe einen Gras­halm zwi­schen die Lip­pen quetschte. Über­haupt spielt es für seine Aben­teuer keine Rolle, was dort klemmt. Es war auch nicht gegen mich per­sön­lich gerich­tet, dass Mor­ris ihm die Kippe weg­nahm. Ich habe dadurch kei­nen Nach­teil erlit­ten. Die Erde dreht sich seit­dem mun­ter wei­ter. Außer­dem besitze ich noch drei Lucky-Luke-Bände mit „rau­chen­dem“ Hel­den. Nie­mand will mir diese Hefte weg­neh­men, ich kann jeder­zeit darin stö­bern und seuf­zend flüs­tern: „Frü­her war alles bes­ser.“

Bei „schlecht gealtert“ stehe ich längst draußen und rauche

Ja, ich weiß das alles. Aber wie gesagt: Ich war und bin etwas wun­der­lich und tobe mich des­halb in die­sem Bei­trag aus – auch weil Mor­ris‘ Ent­schei­dung im Jahre 1983 vie­les vor­weg­nimmt, was mich heut­zu­tage nervt. Was mich zum Bei­spiel kolos­sal ner­ven würde: Wenn mich irgend­je­mand dar­auf hin­weist, dass sich die Tiere in „Der Schnee­rabe“ nicht wie Tiere ver­hiel­ten, son­dern dass ihnen mensch­li­che Eigen­schaf­ten zuge­schrie­ben wür­den – und dass die­ses Kin­der­buch ohne­hin schlecht geal­tert wäre. Ich schalte schon bei „zuge­schrie­ben“ ab, Leute. Echt jetzt. Und bei „schlecht geal­tert“ stehe ich längst drau­ßen und rau­che.