Neulich kramte ich in einer alten Holzkiste, suchte eines der wenigen Kinderbücher, die wir behalten haben, weil es uns allen so gut gefallen hat („Der Schneerabe“ von Bruno Hächler und Birte Müller, 2002 im damaligen Michael Neugebauer Verlag erschienen), stolperte dabei über den kleinen Rest an Comics, den ich aus ähnlich sentimentalen Gründen in derselben alten Kiste aufbewahre, das Beste von „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Leutnant Blueberry“.
Mein liebster Lucky-Luke-Band
Schon blätterte ich in „Die Postkutsche“, meinem liebsten Lucky-Luke-Band. Er ist alt genug (1977), dass der Revolverheld Lucky Luke noch raucht – beziehungsweise … Nein, dazu gleich. Ich habe aus Interesse direkt mal eifrig recherchiert und fand heraus, dass er seit 1983 nicht mehr raucht. Ich hätte schwören können, dass es nicht einmal halb so lang her ist.
Der Comiczeichner Morris, Erfinder der Figur, hat es Lucky Luke gewissermaßen abgewöhnt. Wie groß der Druck auf Morris Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein mag? Keine Ahnung. Vielleicht gab es keinen Druck? Angeblich erschien ein nichtrauchender Held geeigneter für den US-amerikanischen Markt. Egal. So tief wollte ich nicht ins Thema eintauchen. Und: Morris erhielt 1988 einen Preis für seine Entscheidung.
Ich war schon als Teenager komisch
Egal, in meinem Kopf setzte sich eine Assoziationskette in Bewegung, die in folgende plakative Aussage mündete: „Wie ein zufällig wiederentdeckter Comic mein Selbstbild gehörig ins Wanken brachte“. Jahrzehntelang bin ich nämlich davon ausgegangen, dass ich erst mit zunehmendem Alter immer wunderlicher geworden bin. Stimmt nicht. Ich war schon als Teenager komisch und fand es damals (wie heute) vollkommen sinnfrei, dass Lucky Luke mit dem Rauchen aufhört.
Das hängt mit ähnlichen Beobachtungen zusammen, die ich bereits bei „Pumuckl“ angestellt habe: Lucky Luke ist eine Zeichentrickfigur, noch nicht einmal eine realistisch gezeichnete. Obwohl er seit fast 80 Jahren durch die Prärie reitet, ist er keinen Tag gealtert. Er trifft so ungefähr alle Berühmtheiten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Nord- und Mittelamerika lebten und wirkten. Er zieht schneller als sein Schatten. Er unterhält sich mit seinem sprechenden Pferd Jolly Jumper.
Raucht Lucky Luke wirklich?
Und zu Beginn, von 1946 bis 1983, „raucht“ nun also dieser Lucky Luke? Nein, es müsste heißen: Eine idealistisch gezeichnete Comicfigur „raucht“ Zigaretten, die ebenfalls gezeichnet sind. Es handelt sich folglich weder um einen echten Menschen noch um echte Zigaretten. Eine Gefährdung der Gesundheit findet demnach allenfalls in den Köpfen einiger Leser statt.
Damit nicht genug: Ich habe mal eingehend alle Bildchen in meinen drei übriggebliebenen Lucky-Luke-Bänden studiert: Der Kerl raucht gar nicht richtig! Entweder dreht er gerade eine Zigarette oder ihm klebt eine Kippe an der Unterlippe – eine Kippe wohlgemerkt, die nicht qualmt, im Gegensatz zu so manchen Zigarren, die seine Gesprächspartner paffen.
Spätestens mit dieser letzten Beobachtung hat sich auch die Vorbildfrage erledigt: Jemand (der ohnehin nur erfunden ist, idealistisch gezeichnet und der insgesamt komplett unrealistisch daherkommt), der nicht raucht, kann andere nicht zum Rauchen animieren.
Es war nicht Lucky Luke, es war Axel Nord
Exkurs, heute gern als „anekdotische Evidenz“ verunglimpft: Mich hat Axel Nord animiert, ein ausreichend angesagter Mitschüler, der mir eine Schachtel Marlboro hinhielt, bei seinen Eltern im Partykeller, irgendwann zu Anfang der neunten Klasse. Ich schätze, bei den meisten Rauchern war es ein Axel Nord. Oder eine Alexandra. Oder es war Camel Filter …
Ja, ja, ich weiß, dass Lucky Lukes Beliebtheit unter seiner plötzlichen Abstinenz nicht gelitten hat, dass es genügend Lesern egal war, dass er sich statt der Kippe einen Grashalm zwischen die Lippen quetschte. Überhaupt spielt es für seine Abenteuer keine Rolle, was dort klemmt. Es war auch nicht gegen mich persönlich gerichtet, dass Morris ihm die Kippe wegnahm. Ich habe dadurch keinen Nachteil erlitten. Die Erde dreht sich seitdem munter weiter. Außerdem besitze ich noch drei Lucky-Luke-Bände mit „rauchendem“ Helden. Niemand will mir diese Hefte wegnehmen, ich kann jederzeit darin stöbern und seufzend flüstern: „Früher war alles besser.“
Bei „schlecht gealtert“ stehe ich längst draußen und rauche
Ja, ich weiß das alles. Aber wie gesagt: Ich war und bin etwas wunderlich und tobe mich deshalb in diesem Beitrag aus – auch weil Morris‘ Entscheidung im Jahre 1983 vieles vorwegnimmt, was mich heutzutage nervt. Was mich zum Beispiel kolossal nerven würde: Wenn mich irgendjemand darauf hinweist, dass sich die Tiere in „Der Schneerabe“ nicht wie Tiere verhielten, sondern dass ihnen menschliche Eigenschaften zugeschrieben würden – und dass dieses Kinderbuch ohnehin schlecht gealtert wäre. Ich schalte schon bei „zugeschrieben“ ab, Leute. Echt jetzt. Und bei „schlecht gealtert“ stehe ich längst draußen und rauche.
