Wenn ich mir meinen persönlichen Murmeltiertag aussuchen könnte, wäre es wohl ein Tag im Sommer 2014, wahrscheinlich der 4. Juli. Ein sonniger, warmer Freitag, letzter Schultag in NRW.
Wie üblich bei diesem besonderen Anlass mache ich mittags Feierabend, schnappe mir die Mädels, damals 14 und 11, und lade sie zum Essen ein. Zu Fuß quer durch den Schlosspark zum Türken an der Hattinger Straße/Ecke Schlossstraße (der mittlerweile ein Japaner ist). Die Kinder sind höchst zufrieden mit ihren Zeugnissen. Zurecht. Das Essen schmeckt sehr gut.
Es warten die starken Franzosen
Nach dem Essen fiebere ich vor allem dem Abend entgegen. Im fernen Brasilien steigt zurzeit die Fußball-WM; nach dem schmeichelhaften Achtelfinalsieg gehen Algerien am Montag warten heute die starken Franzosen auf uns. Alles ist möglich. Auch ein Ausscheiden.
Ab 18 Uhr zittern meine Familie und ich am Fernseher. Hummels köpft uns etwas glücklich ins Halbfinale. Aber egal, gewonnen! Mit den Mädels im Gepäck fahren wir direkt nach Schlusspfiff zu Freunden. Zwei aus der Clique feiern im Garten ihre Geburtstage.
Eine große Party mit vierzig und mehr Gästen. Super Stimmung. Bei mir auch wegen des Sieges gegen Frankreich. Die kleineren Kinder toben wild herum, sowohl im Garten als auch in der Nachbarschaft, die etwas älteren Kinder, teils längst junge Erwachsene, chillen.
Selbstverständlich kein Schweinefleisch für Muslime
Auf dem Grill liegen Fleisch und Wurst, darunter allerhand, was nicht vom Schwein stammt, für die muslimischen Gäste, sowie jede Menge Gemüse für diejenigen, die kein Fleisch essen. Für sie und überhaupt für alle gibt’s darüber hinaus jede Menge Salat.
Ralf küsst seinem Peter im Vorbeigehen liebevoll das schüttere Haupt. Jonas, einer der jungen Erwachsenen, hält zärtlich die Hand von Yildiz. Alle anderen quatschen in wechselnden Konstellationen, laut und pausenlos, manchmal ohne großartig nachzudenken. Sollte sich mal jemand beleidigt fühlen, sagt er oder sie es. Oder lässt ebenfalls einen Spruch ab.
Aufs Smartphone starrt praktisch niemand. Die meisten besitzen, wenn überhaupt, schnöde Handys, die kein bisschen smart sind. Meinen Facebook-Account kennt außer mir niemand. Von Instagram habe ich noch nie gehört, von Twitter nur am Rande.
Angst vor Brasilien
Die Hardcore-Fußballfans, ich vorneweg, ziehen sich zwischendurch auf Großleinwand das zweite Viertelfinale rein. Brasilien gegen Kolumbien. Gesucht wird Deutschlands Halbfinalgegner. Ich bin für Kolumbien, weil ich Angst habe vor Brasilien. Nützt nichts. Brasilien gewinnt, verliert aber – nach einem üblen Foul – mit Neymar seinen vermeintlich besten Spieler.
Längst ist es dunkel, der Weg zum Kühlschrank im Keller wird nicht nur dadurch gefährlicher. Andererseits werden langsam, aber sicher die Kinder müde, sodass dieses Bier zugleich das letzte ist. Wir fahren nach Hause, also: Meine Frau fährt.
Wir alle sind schläfrig und zugleich beseelt. Und ahnen nicht einmal, was dieser wunderbare Sommer noch alles an schönen Dingen bringen wird. Klar, in der Theorie rund sechs Wochen Ferien für die Kinder, darin zwei gemeinsame Urlaubswochen am Lago Maggiore. In der Praxis wird es dann tatsächlich herrlich.
Zunächst jedoch gibt es an zwei Abenden volle Hütte im heimischen Wohnzimmer. Jeweils rund zwanzig Leute zwängen sich auf Sofas oder zwischen Stühlen und Sesseln, um das himmlische Ende der Fußball-WM zu verfolgen und zu feiern.
Kein Gruß vom Murmeltier
Später, fast schon im Herbst 2014, werde ich meinen ersten Roman beenden. Doch das ist eine vollkommen andere Story.
Falls es sich angesichts der Überschrift jemand fragt: Nein, am Samstagmorgen, also am folgen Morgen, springt nicht der Radiowecker an. Kein „I Got You, Babe“ für Arne. Dieser schöne Freitag im Juli 2014 ist und bleibt einmalig. Bisher jedenfall 😉
