Mein Murmeltiertag

30 Sep. 2025

Wenn ich mir mei­nen per­sön­li­chen Mur­mel­tier­tag aus­su­chen könnte, wäre es wohl ein Tag im Som­mer 2014, wahr­schein­lich der 4. Juli. Ein son­ni­ger, war­mer Frei­tag, letz­ter Schul­tag in NRW.

Wie üblich bei die­sem beson­de­ren Anlass mache ich mit­tags Fei­er­abend, schnappe mir die Mädels, damals 14 und 11, und lade sie zum Essen ein. Zu Fuß quer durch den Schloss­park zum Tür­ken an der Hat­tin­ger Straße/​Ecke Schloss­straße (der mitt­ler­weile ein Japa­ner ist). Die Kin­der sind höchst zufrie­den mit ihren Zeug­nis­sen. Zurecht. Das Essen schmeckt sehr gut.

Es warten die starken Franzosen

Nach dem Essen fie­bere ich vor allem dem Abend ent­ge­gen. Im fer­nen Bra­si­lien steigt zur­zeit die Fuß­ball-WM; nach dem schmei­chel­haf­ten Ach­tel­fi­nal­sieg gehen Alge­rien am Mon­tag war­ten heute die star­ken Fran­zo­sen auf uns. Alles ist mög­lich. Auch ein Aus­schei­den.

Ab 18 Uhr zit­tern meine Fami­lie und ich am Fern­se­her. Hum­mels köpft uns etwas glück­lich ins Halb­fi­nale. Aber egal, gewon­nen! Mit den Mädels im Gepäck fah­ren wir direkt nach Schluss­pfiff zu Freun­den. Zwei aus der Cli­que fei­ern im Gar­ten ihre Geburts­tage.

Eine große Party mit vier­zig und mehr Gäs­ten. Super Stim­mung. Bei mir auch wegen des Sie­ges gegen Frank­reich. Die klei­ne­ren Kin­der toben wild herum, sowohl im Gar­ten als auch in der Nach­bar­schaft, die etwas älte­ren Kin­der, teils längst junge Erwach­sene, chil­len.

Selbstverständlich kein Schweinefleisch für Muslime

Auf dem Grill lie­gen Fleisch und Wurst, dar­un­ter aller­hand, was nicht vom Schwein stammt, für die mus­li­mi­schen Gäste, sowie jede Menge Gemüse für die­je­ni­gen, die kein Fleisch essen. Für sie und über­haupt für alle gibt’s dar­über hin­aus jede Menge Salat.

Ralf küsst sei­nem Peter im Vor­bei­ge­hen lie­be­voll das schüt­tere Haupt. Jonas, einer der jun­gen Erwach­se­nen, hält zärt­lich die Hand von Yil­diz. Alle ande­ren quat­schen in wech­seln­den Kon­stel­la­tio­nen, laut und pau­sen­los, manch­mal ohne groß­ar­tig nach­zu­den­ken. Sollte sich mal jemand belei­digt füh­len, sagt er oder sie es. Oder lässt eben­falls einen Spruch ab.

Aufs Smart­phone starrt prak­tisch nie­mand. Die meis­ten besit­zen, wenn über­haupt, schnöde Han­dys, die kein biss­chen smart sind. Mei­nen Face­book-Account kennt außer mir nie­mand. Von Insta­gram habe ich noch nie gehört, von Twit­ter nur am Rande.

Angst vor Brasilien

Die Hard­core-Fuß­ball­fans, ich vor­ne­weg, zie­hen sich zwi­schen­durch auf Groß­lein­wand das zweite Vier­tel­fi­nale rein. Bra­si­lien gegen Kolum­bien. Gesucht wird Deutsch­lands Halb­fi­nal­geg­ner. Ich bin für Kolum­bien, weil ich Angst habe vor Bra­si­lien. Nützt nichts. Bra­si­lien gewinnt, ver­liert aber – nach einem üblen Foul – mit Ney­mar sei­nen ver­meint­lich bes­ten Spie­ler.

Längst ist es dun­kel, der Weg zum Kühl­schrank im Kel­ler wird nicht nur dadurch gefähr­li­cher. Ande­rer­seits wer­den lang­sam, aber sicher die Kin­der müde, sodass die­ses Bier zugleich das letzte ist. Wir fah­ren nach Hause, also: Meine Frau fährt.

Wir alle sind schläf­rig und zugleich beseelt. Und ahnen nicht ein­mal, was die­ser wun­der­bare Som­mer noch alles an schö­nen Din­gen brin­gen wird. Klar, in der Theo­rie rund sechs Wochen Ferien für die Kin­der, darin zwei gemein­same Urlaubs­wo­chen am Lago Mag­giore. In der Pra­xis wird es dann tat­säch­lich herr­lich.

Zunächst jedoch gibt es an zwei Aben­den volle Hütte im hei­mi­schen Wohn­zim­mer. Jeweils rund zwan­zig Leute zwän­gen sich auf Sofas oder zwi­schen Stüh­len und Ses­seln, um das himm­li­sche Ende der Fuß­ball-WM zu ver­fol­gen und zu fei­ern.

Kein Gruß vom Murmeltier

Spä­ter, fast schon im Herbst 2014, werde ich mei­nen ers­ten Roman been­den. Doch das ist eine voll­kom­men andere Story.

Falls es sich ange­sichts der Über­schrift jemand fragt: Nein, am Sams­tag­mor­gen, also am fol­gen Mor­gen, springt nicht der Radio­we­cker an. Kein „I Got You, Babe“ für Arne. Die­ser schöne Frei­tag im Juli 2014 ist und bleibt ein­ma­lig. Bis­her jeden­fall 😉