Neulich las ich den Social-Media-Beitrag eines Autorenkollegen. Er beschäftigt sich mit seinen älteren Werken und der Frage, was er heute anders schreiben würde, was er bei Überarbeitungen teils tatsächlich umformuliert. Es geht hauptsächlich um Dinge, die heutzutage gemeinhin unter „Wokeness“ laufen.
Logo, ich lese auch gern und häufig in meinen älteren Büchern und finde hier und da Stellen, die ich heute aus unterschiedlichsten Gründen anders schreiben würde. Ich weiß aber auch: Wenn ich es anpasse und das Buch in sieben Jahren erneut lese, könnte es passieren, dass ich ausgerechnet die geänderten Stellen hinterfrage und womöglich am liebsten den Ursprungszustand wiederherstellen möchte.
Dem Zeitgeist widerstehen
Ich widerstehe also dem Zeitgeist, in diesem Punkt zumindest, und ändere nichts. Stattdessen erfreue ich mich an den Passagen in meinen Büchern, die mir auch nach vielen Jahren noch immer richtig gut gefallen.
In den kommenden Wochen und Monaten werde ich diesen Blog nutzen, um euch Auszüge aus meinen Büchern zu präsentieren. Grundlegende Infos zu den Werken findet ihr – wenig überraschend – unter „Meine Bücher“.
Los geht es, wie es sich gehört, mit meinem Erstling „Trittbrettmörder“ aus dem Gmeiner-Verlag. Am Anfang von Kapitel 2 lernen die Leser meinen Protagonisten Helmut Jordan kennen. In Kapitel 1 habe ich die letzten Stunden des Landwirts Hanno Ackermann geschildert.
Trittbrettmörder
»Mine?« Kriminalhauptkommissar Helmut Jordan schaute seinen Kollegen David Armbruster ungläubig an. »Willst du mir sagen, der Bauer ist beim Pflügen über eine Landmine gefahren, die dann explodiert ist und Trecker und Fahrer in Brand gesetzt hat?« Der Leiter der Kripo-Dienststelle Wolfenbüttel betrachtete das ein paar Meter entfernt stehende Wrack des Fendt Vario 820 und den Pflug, der noch immer am Trecker hing und weitgehend unbeschädigt geblieben war.
Auf dem Sitz des Treckers, hinter verschmortem Plexiglas, hatte vorhin noch die verkohlte Leiche von Hanno Ackermann gesessen. Jetzt lag sie in einem Metallsarg, bereit zum Transport in die Gerichtsmedizin. Es stank nach Diesel und verbranntem Gummi. Und nach verbranntem Fleisch. Aber darüber wollte Helmut lieber nicht nachdenken.
Gummistiefel überflüssig
Der Himmel war wolkenverhangen, es lag aber kein Regen in der Luft. Für Mitte Dezember war es erstaunlich mild. Da es in den letzten Wochen kaum geregnet hatte, geschweige denn geschneit, war der Acker trocken. Helmut hatte sich seine Gummistiefel angezogen, aber das wäre gar nicht nötig gewesen.
Hinter dem Trecker ragten, bis zum Horizont, Windkrafträder in den Himmel. Im mäßigen Nordwestwind drehten sie träge ihre Runden und ließen die Bauern, die sie auf ihren Feldern betrieben, ein paar zusätzliche Euro verdienen. Hanno nun nicht mehr.
»Eine andere Erklärung haben wir bislang nicht, Helmut. Hans-Werner von der KTU vermutet, dass die Mine genau unter der Dieselleitung hochgegangen ist. Andernfalls hätte sie wohl kaum diesen Schaden angerichtet.« David deutete auf die Überreste des Treckers.
»Eine DDR-Mine?« Helmut rieb sich die Hände. Es war weniger die Temperatur als die Situation, die ihn frösteln ließ. Unbewusst blickte er sich um. Trecker, Pflug, Windkrafträder, die braune Weite des Ackerlandes, nur ab und zu durch grüne oder gelbe Tupfer unterbrochen, die in weiße Schutzanzüge gekleideten Frauen und Männer der KTU, der alte DDR-Wachturm, die paar Häuser von Mattierzoll und, am Rand des Feldes, hinter der Polizeiabsperrung, einige Dutzend Schaulustige.
Erich Honecker Landminen
»Na ja, von wem sonst?« David hatte Recht. Wer sonst sollte in der ehemaligen Sperrzone der DDR im innerdeutschen Grenzgebiet, so die damals offizielle Bezeichnung des heutigen Zuckerrübenfeldes, Minen vergraben haben?
»Aber wurden nicht schon lange vor ’89 alle Minen beseitigt?« Helmut erinnerte sich dunkel an ein Abkommen aus den Siebzigern oder Achtzigern: Franz-Josef Strauß verspricht neue Devisen. Dafür lässt Erich Honecker Landminen ausgraben und Selbstschussanlagen abbauen.
»Diese hier offenbar nicht«, sagte David lapidar.
