Welche Passagen aus meinen Büchern ich besonders mag

15 Apr. 2025

Neu­lich las ich den Social-Media-Bei­trag eines Autoren­kol­le­gen. Er beschäf­tigt sich inten­siv mit sei­nen älte­ren Wer­ken und vor allem mit der Frage, was er heute anders schrei­ben würde und was er bei Über­ar­bei­tun­gen teils tat­säch­lich umfor­mu­liert. Es geht haupt­säch­lich um Dinge, die heut­zu­tage gemein­hin unter „Woke­ness“ lau­fen, also darum, alles Mög­li­che mit „-ismus“ am Ende aus dem Buch zu til­gen, also alles außer „Jour­na­lis­mus“, „Huma­nis­mus“ und natür­lich „Femi­nis­mus“. Das ist gut und darf blei­ben.

Logo, ich lese auch gern und häu­fig in mei­nen älte­ren Büchern und finde hier und da Stel­len, die ich heute aus unter­schied­lichs­ten Grün­den anders schrei­ben würde. Ich weiß aber auch: Wenn ich es anpasse und das Buch in sie­ben Jah­ren erneut lese, könnte es pas­sie­ren, dass ich aus­ge­rech­net die geän­der­ten Stel­len hin­ter­frage und womög­lich am liebs­ten den Ursprungs­zu­stand wie­der­her­stel­len möchte.

Dem Zeitgeist widerstehen

Ich wider­stehe also dem Zeit­geist, in die­sem Punkt zumin­dest, und ändere nichts. Statt­des­sen erfreue ich mich an den Pas­sa­gen in mei­nen Büchern, die mir auch nach vie­len Jah­ren noch immer rich­tig gut gefal­len.

In den kom­men­den Wochen und Mona­ten werde ich die­sen Blog nut­zen, um euch Aus­züge aus mei­nen Büchern zu prä­sen­tie­ren. Grund­le­gende Infos zu den Wer­ken fin­det ihr – wenig über­ra­schend – unter „Meine Bücher“.

Los geht es, wie es sich gehört, mit mei­nem Erst­ling „Tritt­brett­mör­der“ aus dem Gmei­ner-Ver­lag. Am Anfang von Kapi­tel 2 ler­nen die Leser mei­nen Prot­ago­nis­ten Hel­mut Jor­dan ken­nen. In Kapi­tel 1 habe ich die letz­ten Stun­den des Land­wirts Hanno Acker­mann geschil­dert.

Trittbrettmörder

»Mine?« Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Hel­mut Jor­dan schaute sei­nen Kol­le­gen David Arm­brus­ter ungläu­big an. »Willst du mir sagen, der Bauer ist beim Pflü­gen über eine Land­mine gefah­ren, die dann explo­diert ist und Tre­cker und Fah­rer in Brand gesetzt hat?« Der Lei­ter der Kripo-Dienst­stelle Wol­fen­büt­tel betrach­tete das ein paar Meter ent­fernt ste­hende Wrack des Fendt Vario 820 und den Pflug, der noch immer am Tre­cker hing und weit­ge­hend unbe­schä­digt geblie­ben war.

Auf dem Sitz des Tre­ckers, hin­ter ver­schmor­tem Ple­xi­glas, hatte vor­hin noch die ver­kohlte Lei­che von Hanno Acker­mann geses­sen. Jetzt lag sie in einem Metall­sarg, bereit zum Trans­port in die Gerichts­me­di­zin. Es stank nach Die­sel und ver­brann­tem Gummi. Und nach ver­brann­tem Fleisch. Aber dar­über wollte Hel­mut lie­ber nicht nach­den­ken.

Gummistiefel überflüssig

Der Him­mel war wol­ken­ver­han­gen, es lag aber kein Regen in der Luft. Für Mitte Dezem­ber war es erstaun­lich mild. Da es in den letz­ten Wochen kaum gereg­net hatte, geschweige denn geschneit, war der Acker tro­cken. Hel­mut hatte sich seine Gum­mi­stie­fel ange­zo­gen, aber das wäre gar nicht nötig gewe­sen.

Hin­ter dem Tre­cker rag­ten, bis zum Hori­zont, Wind­kraft­rä­der in den Him­mel. Im mäßi­gen Nord­west­wind dreh­ten sie träge ihre Run­den und lie­ßen die Bau­ern, die sie auf ihren Fel­dern betrie­ben, ein paar zusätz­li­che Euro ver­die­nen. Hanno nun nicht mehr.

»Eine andere Erklä­rung haben wir bis­lang nicht, Hel­mut. Hans-Wer­ner von der KTU ver­mu­tet, dass die Mine genau unter der Die­sel­lei­tung hoch­ge­gan­gen ist. Andern­falls hätte sie wohl kaum die­sen Scha­den ange­rich­tet.« David deu­tete auf die Über­reste des Tre­ckers.

»Eine DDR-Mine?« Hel­mut rieb sich die Hände. Es war weni­ger die Tem­pe­ra­tur als die Situa­tion, die ihn frös­teln ließ. Unbe­wusst blickte er sich um. Tre­cker, Pflug, Wind­kraft­rä­der, die braune Weite des Acker­lan­des, nur ab und zu durch grüne oder gelbe Tup­fer unter­bro­chen, die in weiße Schutz­an­züge geklei­de­ten Frauen und Män­ner der KTU, der alte DDR-Wach­turm, die paar Häu­ser von Mat­tier­zoll und, am Rand des Fel­des, hin­ter der Poli­zei­ab­sper­rung, einige Dut­zend Schau­lus­tige.

Erich Honecker Landminen

»Na ja, von wem sonst?« David hatte Recht. Wer sonst sollte in der ehe­ma­li­gen Sperr­zone der DDR im inner­deut­schen Grenz­ge­biet, so die damals offi­zi­elle Bezeich­nung des heu­ti­gen Zucker­rü­ben­fel­des, Minen ver­gra­ben haben?

»Aber wur­den nicht schon lange vor ’89 alle Minen besei­tigt?« Hel­mut erin­nerte sich dun­kel an ein Abkom­men aus den Sieb­zi­gern oder Acht­zi­gern: Franz-Josef Strauß ver­spricht neue Devi­sen. Dafür lässt Erich Hon­ecker Land­mi­nen aus­gra­ben und Selbst­schuss­an­la­gen abbauen.

»Diese hier offen­bar nicht«, sagte David lapi­dar.

Mit die­sem dahin­ge­wor­fe­nen Satz endet mein Aus­zug. Wie gesagt, ich bin noch immer rundum glück­lich mit dem Text. Im Buch fol­gen aller­hand Beob­ach­tun­gen zu den Men­schen, die in den Dör­fern im frü­he­ren Grenz­ge­biet leben. Diese Beob­ach­tun­gen reflek­tie­ren die frü­hen Zeh­ner­jahre. Heute wür­den sie anders aus­fal­len. Nur ein schlim­mes Bei­spiel: Bei der vor­ge­zo­ge­nen Bun­des­tags­wahl im Februar 2025 errang die AfD in Hel­muts und mei­nem Hei­mat­dorf die meis­ten Stim­men.

Dar­auf kannst du dich freuen, wenn du „Tritt­brett­mör­der“ liest:

  • Abi-Jahr­gang, Abitur, Gym­na­sium, Ober­stufe
  • Mord­se­rie
  • Klein­stadt + Dorf­le­ben
  • Land­mi­nen
  • Mord­er­mitt­lung
  • Debüt
  • Nie­der­sach­sen
  • Wol­fen­büt­tel
  • Harz
  • 7. Auf­lage

Ein signier­tes Exem­plar von Tritt­brett­mör­der erhal­ten.

Buchcover von Arne Dessauls Kriminalroman „Trittbrettmörder“