ÜBER DAS ZEITREISEN

22 Juli 2025

In mei­nem aktu­el­len Roman „Zurück in die Jugend“ ist die Zeit­reise des Prot­ago­nis­ten Han­nes in das Jahr 1983 das zen­trale Ele­ment. Mit vol­ler Absicht reist Han­nes exakt 41 Jahre in die Ver­gan­gen­heit und nicht etwa 42. Die berühmte Zahl „42“ steht für eine andere Geschichte.

Zeit­rei­sen fas­zi­nie­ren mich schon lange. Im Vor­wort zu „Zurück in die Jugend“ liste ich eine Reihe mei­ner liebs­ten fik­tio­na­len Werke rund ums Thema auf, dar­un­ter „12 Mon­keys“, „Die Zeit­ma­schine“, „Zurück in die Zukunft“, „Der Anschlag“, „Geschichte machen“ und „Peggy Sue hat gehei­ra­tet“.

Zeitreisen im „Time Tunnel“

Ver­ges­sen habe ich aus­ge­rech­net die US-Serie „Time Tun­nel“, die Anfang der 1970er-Jahre im deut­schen Fern­se­hen lief und mein Inter­esse über­haupt erst weckte. In „Time Tun­nel“ rei­sen ame­ri­ka­ni­sche For­scher durch die Zeit und gera­ten in jeder Folge mit­ten in ein berühm­tes Ereig­nis. Sie wol­len nur beob­ach­ten, grei­fen dann aber jedes Mal ein. Wäre doch cool, den Unter­gang der Tita­nic oder das Atten­tat auf Lin­coln zu ver­hin­dern.

Das funk­tio­niert aller­dings nicht. Die Wis­sen­schaft­ler kön­nen nicht in den Lauf der Geschichte ein­grei­fen, kön­nen die Ver­gan­gen­heit nicht ver­än­dern. Im Gegen­teil: Bis­wei­len lösen sie bestimmte Ereig­nisse sogar erst aus, denn ihre Zeit­reise, ihr Auf­tau­chen in der Ver­gan­gen­heit ist fes­ter Bestand­teil des ein­zi­ges, unver­än­der­li­chen Zeit­strangs.

Wer sich mit fik­ti­ven Zeit­rei­sen beschäf­tigt, kommt selbst­ver­ständ­lich nicht um „Zurück in die Zukunft“ herum. Für Doc Brown ist Geschichte ver­än­der­bar. Er fürch­tet, dass Mar­tys Hand­lun­gen in der Ver­gan­gen­heit die Zukunft beein­flus­sen. Lor­raine ver­liebt sich in Marty alias Cal­vin Klein und will von ande­ren Ker­len nichts wis­sen, schon mal gar nicht von George McFly. Wenn aber Lor­raine und George kein Paar wer­den, zeu­gen sie Marty nicht. Marty gefähr­det mit sei­ner Zeit­reise folg­lich seine Exis­tenz, im Film ver­an­schau­licht durch das Fami­li­en­foto, von dem Marty zu ver­schwin­den droht (bekann­ter­ma­ßen ver­än­dert Mar­tys Zeit­reise gleich­wohl die Gegen­wart bzw. Zukunft ein wenig: George, im ers­ten Zeit­strang ein abso­lu­ter Loser, mutiert im neuen Zeit­strang zum Erfolgs­au­tor und Lebe­mann).

Zeitreisen trotz Großvaterparadoxon

Die­ses Phä­no­men wird als „Groß­va­ter­pa­ra­do­xon“ bezeich­net. Reise ich in die Ver­gan­gen­heit und bringe (ver­se­hent­lich oder mit Absicht) mei­nen Opa müt­ter­li­cher­seits um, bevor er meine Mut­ter zeugt, bringe ich mich sozu­sa­gen selbst um – und kann dem­nach auch nicht in die Ver­gan­gen­heit gereist sein …

(Ach­tung! Spoi­ler! Wer die fett mar­kier­ten Bücher noch lesen möchte, sollte die­sen Absatz über­sprin­gen.)

Nicht weni­ger kom­pli­ziert als die­ses Para­do­xon ist ein auf den ers­ten Blick erfolg­rei­cher Ein­griff in die Zeit. Im Ste­phen Frys Roman „Geschichte machen“ ver­hin­dern zwei Men­schen die Geburt von Adolf Hit­ler. Weil dadurch ein wesent­lich intel­li­gen­te­rer Mann die Füh­rung der NSADP über­nimmt, gewinnt Deutsch­land den Zwei­ten Welt­krieg. Ste­phen King lässt sei­nen Prot­ago­nis­ten in „Der Anschlag“ das Atten­tat auf JFK ver­hin­dern und löst damit nichts weni­ger als den Welt­un­ter­gang aus.

Ver­än­der­lich­keit und Unver­än­der­lich­keit der Ver­gan­gen­heit sind nur zwei, von mir zudem bloß grob skiz­zierte Über­le­gun­gen zum Zeit­rei­sen. Erwähnt wer­den soll­ten außer­dem Theo­rien zu ver­schie­de­nen Zeit­strän­gen inklu­sive Par­al­lel­uni­ver­sen. Das über­steigt jedoch mein Fas­sungs­ver­mö­gen. Den Film „Ever­y­thing Ever­y­where All at Once“ mit sei­nen Mul­ti­ver­sen emp­fand ich als sehr anstren­gend.

Peggy Sues Zeitreise

(Ach­tung! Spoi­ler! Wer den fett mar­kier­ten Film noch sehen möchte, sollte die­sen Absatz über­sprin­gen.)

Ich bin da mehr beim oben beschrie­be­nen „Time Tun­nel“ und dem Prin­zip der Unver­än­der­lich­keit der Ver­gan­gen­heit. Ihm folgt in wei­ten Tei­len die Film­ko­mö­die „Peggy Sue hat gehei­ra­tet“. Aus­ge­stat­tet mit dem Wis­sen um ihre Feh­ler und Ver­säum­nisse aus über 40 Lebens­jah­ren bekommt Peggy Sue vom Schick­sal eine zweite Chance: Sie reist 25 Jahre zurück in die Ver­gan­gen­heit, geht wie­der auf die High­school und ver­sucht mit allen Kräf­ten, nicht wie­der Char­lie zu ver­fal­len, ihrem spä­te­ren Ehe­mann, der sie in der Gegen­wart betrügt. Peggy Sue ver­sucht es ver­geb­lich.

Was bedeu­tet das nun für Han­nes aus „Zurück in die Jugend“, der als aus­ge­buff­ter End­fünf­zi­ger im Kör­per eines 18-Jäh­ri­gen im Jahr 1983 lan­det? Einer­seits eine Menge, ande­rer­seits nichts, was ihn davon abhält, sehr viel Spaß zu haben. Denn genau darum geht es in mei­nem Roman.

(Ach­tung! Spoi­ler! Han­nes hat in der Tat jede Menge Spaß und mit ihm – hof­fent­lich – alle Lese­rin­nen und Leser.)