Kürzlich* stolperte ich mal wieder über so einen Fall: Das Lifestyle-Magazin Vogue lässt seine 25-jährige Volontärin erstmals „Pretty Woman“ gucken. Wenig überraschend findet die Volontärin heraus, dass Richard Gere schon irgendwie sexy ist und Julia Roberts auch ziemlich attraktiv. Der Rest jedoch: Puh, problematisch. Ein Mann kauft sich eine wesentlich jüngere Frau. Prostitution ist sehr beschönigend dargestellt. Plus viele weitere Klischees, in der Regel zulasten der Frauen.
Fand die Vogue etwa „Pretty Woman“ 1990 rundum gelungen?
Ich habe den Film damals gesehen, einmal. Und ehrlich: Die von der Volontärin kritisierten Punkte fand ich schon 1990 fragwürdig. Keine Ahnung, warum dies der Vogue erst 35 Jahre später und bloß mithilfe einer Volontärin gelingt. Oder geht es dem Magazin nur darum, irgendetwas zum hippen Thema „Schlecht gealtert“ beizutragen? Ein bisschen anbiedern bei Millennials und GenZ?
Das Label „Schlecht gealtert“ wird gern Büchern, Filmen, Serien oder Liedern angeheftet, wenn diese aus Sicht der Label-Anhefter beispielsweise überholte Geschlechterrollen transportieren oder wenn Minderheiten diskriminiert werden. Schlussfolgerung: Diese problematischen Bücher, Filme, Serie, Lieder könnten heute, in unserer sehr aufmerksamen, sensiblen Gesellschaft, nicht mehr entstehen. Aber vielleicht morgen wieder? Dass nicht mehr 2020 ist und alle stolz das Mantra #BLM vor sich hertragen und Haltung demonstrieren, erlebt man in den USA; bekanntlich schwappen Strömungen gern mal von dort zu uns hinüber. Nein, nicht falsch verstehen: Ich wünsche es mir nicht.
Niemand hat vor, Harry Potter zu canceln.
Zurück zum Thema: Neben „Pretty Woman“ stehen zum Beispiel Serien wie „Sex and the City“, „Gilmore Girls“, „How I Met Your Mother“ oder „Friends“ in der Kritik. Als kürzlich eine Musicalversion von „Life of Brian“ entstand, forderten Aktivisten die Macher von Brian auf, eine Szene, in der es um Geschlechteridentität geht, zu ändern. John Cleese & Co. weigerten sich und wurden direkt als alles Mögliche mit „-phob“ und als „alte weiße Männer“ gelabelt. Der übliche Reflex halt, der mich zum Teil davon abhält, ins selbe Horn zu stoßen.
Mal reicht es im Übrigen auch, dass sich einer der am Kunstwerk beteiligten Menschen irgendetwas zuschulden kommen ließ. Unter anderem Woody Allen, Roman Polanski, Kevin Spacey oder JK Rowling stehen deshalb unter Beschuss (die drei Männer zurecht, wie ich finde) und einige Zeitgenossen meiden deren Werke. Bestimmt würden sie diese auch gern canceln. Spaß! Niemand hat vor, Harry Potter zu canceln.
Bei mir treffen zwei etwa gleichstarke Aspekte aufeinander. Natürlich ist in vielen älteren Filmen/Serien/Büchern/Liedern die Darstellung von Frauen, von Homosexualität, von Rollenbildern oder von Minderheiten aus heutiger Sicht problematisch und falsch. Aber es handelt sich um Kinder bzw. Dokumente ihrer Zeit. Viele Menschen können dies zum Glück einordnen. Jenen, die es nicht können oder wollen, kann zum Beispiel mit Inhaltshinweisen geholfen werden.
Niemand beschießt mich
Mich beschießt einstweilen niemand. Dabei habe ich mir aus Sicht einiger Menschen in meinen Büchern garantiert irgendwas Schlimmes zuschulden kommen lassen. Was auch immer? Mir fehlt da die Fantasie. Mal reicht es aus, wenn man etwas nicht tut, wenn man irgendwelche Gruppen nicht erwähnt oder so. Zum Glück bin ich nicht berühmt genug, meine literarischen Schandtaten dringen folglich nicht an die breite Öffentlichkeit.
Keine Ahnung, was passieren würde, wenn eine glühende Feministin oder ein versierter Rassismusforscher „Trittbrettmörder“ oder „Ihr letztes Stück“ lesen würden, um mal meine beiden populärsten Werke zu nennen. Vielleicht würden die beiden meine Bücher als schlecht gealtert und problematisch einstufen und davor warnen. Überall Red Flaggs. Hilfe! Mir fehlt weiterhin die Fantasie für die Gründe. Ich bin jedoch weder glühende Feministin noch versierter Rassismusforscher.
Ich möchte einfach nur der tolerante Kerl bleiben, der ich schon immer gewesen bin. Problem: Da ich mich kaum bewege, sich gleichzeitig die Wahrnehmung verändert (Wo ist links? Wo beginnt rechts? Gibt es die Mitte noch?), werde ich von einigen Menschen als konservativ wahrgenommen. Ja, ich könnte mich etwas mehr in die linke Richtung bewegen, doch so richtig gefällt es mir dort nicht.
Keines
Schlussfolgerung und um das Thema endlich zu beenden, obwohl es noch viel zu erählen gibt: Wenn mich eines Tages jemand fragt, welche meiner Bücher schlecht gealtert sind, würde ich kackendreist behaupten: Keines. Hier findest du die Bücher auf einen Blick. Bild dir deine Meinung. Diesen Slogan bitte als Ironie einordnen 🙂
PS: „Pretty Woman“ läuft jetzt als Musical in Oberhausen. Ich werde es nicht besuchen, um herauszufinden, ob die Story „zeitgemäßer“ erzählt wird.
*Ich habe den Artikel am 27. Februar 2026 gründlich überarbeitet.