Wie Konrad Priefke einen Mord beobachtet, ohne ihn zu verhindern

29 Apr. 2025

Heute geht es um mei­nen drit­ten Krimi, der ursprüng­lich mal „Zom­bie­pa­rade“ hei­ßen sollte, weil alte Leute zu einer Parade ein­ge­la­den wer­den. Am Ende ent­schied ich mich dage­gen und schwenkte um auf „50“, weil exakt 50 Zom­bies, äh 50 Men­schen an die­ser Parade teil­neh­men, da diese Parade zu Ehren der Ruhr-Uni Bochum statt­fin­det, die ihren 50. Geburs­tag fei­ert. So schließt sich der Kreis.

Gegen Ende des Buches schlie­ßen sich jede Menge Kreise, weil es jede Menge par­al­lele Hand­lungs­stränge gibt. Ich prä­sen­tiere euch das abso­lute Ende die­ser Geschichte mit­samt des letz­ten Mor­des. Aus­nahms­weise ver­rät die­ses Ende längst nicht alles.

Ach so: Wir befin­den uns auf dem Forum der Ruhr-Uni, unmit­tel­bar nach dem sehr getra­ge­nen Fest­akt zum run­den Geburts­tag.

Nach der Zombieparade

„Volks­nah? Modern?“ Kon­rad kaut ein paar Sekun­den auf die­sen Wor­ten herum, aber er kann sie weder zer­bei­ßen noch ihre Bedeu­tung erken­nen. Er lässt den Blick über das Forum schwei­fen, streift dabei die ste­tig schrump­fende Gruppe der wich­ti­gen Leute, ent­deckt dann in etwa 20 oder 25 Metern Ent­fer­nung und damit prak­tisch mit­ten auf dem Platz eine zier­li­che Frau mit dunk­len Locken. Sie steht ein­fach da, eine Sport­ta­sche in der Hand.

Viel­leicht ist sie auf dem Weg zu den Turn­hal­len unter­halb des Men­sa­ge­bäu­des, denkt Kon­rad, sieht jedoch sofort ein, wie unrea­lis­tisch diese Mut­ma­ßung ist. Eine Frau, die bestimmt zwi­schen 50 und 60 ist, geht wohl kaum am Sams­tag­mit­tag zusam­men mit Stu­den­ten in die Turn­halle. Höchst­wahr­schein­lich fin­den sams­tag­mit­tags ohne­dies keine Sport­kurse statt.

Nein, diese Frau hat ein anderes Ziel

Nein, diese Frau hat ein ande­res Ziel.

Kon­rad blickt nun wie­der Laar­mann an, doch der schaut in die­sem Moment ganz woan­ders hin. Er hat die Frau gar nicht bemerkt. Kon­rad sieht sich um, offen­bar hat nie­mand die Fremde wahr­ge­nom­men. Alle sind zu sehr mit sich selbst beschäf­tigt. Des­halb sieht außer Kon­rad nie­mand, wie die Frau ihre Sport­ta­sche abstellt, wie sie sich bückt, wie sie die Tasche öff­net, einen Umschlag sowie einen Gegen­stand her­aus­nimmt, der zu klein ist, als dass Kon­rad ihn auf diese Ent­fer­nung erken­nen könnte. Die schlanke Frau legt den Umschlag neben die Tasche, stellt das andere Ding dar­auf ab.

Kon­rad kneift die Augen zusam­men, um bes­ser sehen zu kön­nen. Das hilft tat­säch­lich, wahr­schein­lich erhöht er seine Seh­fä­hig­keit auf den ana­to­mi­schen Wun­der­wert von 104 Pro­zent. Er erkennt, dass es sich bei dem klei­ne­ren Gegen­stand schein­bar um einen klei­nen Pokal han­delt. Die Frau legt den Pokal auf den Umschlag, der wie­derum auf einer Stein­platte liegt. All das hat etwas Ritu­el­les an sich. Aber das wäre doch hoch­gra­dig absurd, meint Kon­rad.

Fas­zi­niert und zugleich ängst­lich beob­ach­tet er die Frau. Sie zieht sich gerade vor­sich­tig eine weiße Base­ball­kappe über den Kopf, greift danach erneut in die Sport­ta­sche. Kon­rad mag sei­nen super­schar­fen Augen kaum trauen, denn nun hat die Frau wuch­tige schwarze Kopf­hö­rer in der Hand, steckt sich diese über die weiße Kappe. Sie sieht nun nicht mehr aus wie eine zier­li­che Frau mit Locken zwi­schen 50 und 60, eher wie eine Sport­le­rin.

Ein Ding, das entfernt aussieht wie – eine Pistole!

Die Sport­le­rin, Kon­rad beschließt, sie fortan im Geiste so zu nen­nen, holt nun erneut etwas aus ihrer Tasche, ein Ding, das ent­fernt aus­sieht wie – eine Pis­tole! Die Sport­le­rin betrach­tet kurz die­ses Ding (Kon­rad beschließt, es fortan im Geiste vor­sichts­hal­ber „Ding“ zu nen­nen), ver­än­dert dann ihre Posi­tion um etwa 90 Grad. Nun streckt die Sport­le­rin kurz den rech­ten Arm um eben­falls 90 Grad nach vorn. Kon­rad hat den Schrei in der Kehle (denn in der rech­ten Hand hält die Sport­le­rin das Ding), doch dann senkt sich der Arm der Sport­le­rin wie­der.

Kon­rad möchte wet­ten, dass der Arm sich genau um 45 Grad senkt. Doch es ist nie­mand zum Wet­ten da. Alle Anwe­sen­den sind beschäf­tigt. Laar­mann steht neben ihm, er unter­hält sich mit Gerda Braun; Kon­rad hat die Sekre­tä­rin über­haupt nicht kom­men gehört. Kon­rad blickt sich ein wei­te­res Mal um. Die Situa­tion ist unver­än­dert: Die Sport­le­rin hält das Ding in der Hand, nie­mand nimmt Notiz von ihr. Er fragt sich, wo sich die vie­len Per­so­nen­schüt­zer, Poli­zis­ten und die Leute des pri­va­ten Sicher­heits­diens­tes gerade auf­hal­ten mögen.

Dann fällt ihm ein, dass ein Teil der Sicher­heits­kräfte vor­hin zusam­men mit dem Bun­des­prä­si­den­ten abzog; ein wei­te­rer Teil sichert gerade die Abfahrt der Minis­ter­prä­si­den­tin. So bleibt nie­mand übrig, der auf die Sport­le­rin ach­ten könnte, die die­ses Ding in der rech­ten Hand hält, den rech­ten Arm um 45 Grad gesenkt.

Konrad fühlt sich wie vor einem Duell in einem Westernfilm

Die Sport­le­rin steht dort ein­fach, sie strahlt – selbst auf die Ent­fer­nung von unge­fähr 30 Metern – eine unglaub­li­che Ruhe aus. Sie wirkt in höchs­tem Maße kon­zen­triert. Und sie scheint zu war­ten. War­tet sie womög­lich auf ein Kom­mando?

Kon­rad fühlt sich wie vor einem Duell in einem Wes­tern­film. Ein Duell, dass er ver­lie­ren würde, denn er steht dort im wahrs­ten Sinne des Wor­tes wie ange­wur­zelt, kann nicht ein­mal den Arm heben. Er bringt kei­nen Ton her­aus. Er hat auch kein Ding in der Hand. Zum Glück igno­riert die Sport­le­rin ihn voll­kom­men, sie fixiert viel­mehr die Gruppe mit dem Rek­to­rat und der ver­blie­be­nen Polit­pro­mi­nenz.

Wenn die jetzt den Bun­des­tags­prä­si­den­ten oder den Bischof erschie­ßen will, denkt Kon­rad, um Got­tes­wil­len, das muss ich doch ver­hin­dern. End­lich will er irgend­et­was tun, etwas rufen, doch dafür ist es nun zu spät. Genau in die­sem Moment kommt in die Gruppe um das Rek­to­rat end­lich Bewe­gung. Die Rek­to­rin zeigt in Rich­tung der Frau, sie spricht dabei offen­bar Win­fried Schmitt an, der sich zu der Frau umdreht.

Schmitts Reak­tion kann Kon­rad nicht erken­nen, denn Schmitt wen­det ihm den Rücken zu.

Die Sport­le­rin hält das Ding in der Hand, den Arm schräg nach unten. 45 Grad.

Kon­rad steht dort wei­ter­hin wie gelähmt. Genau wie Win­fried Schmitt. Die Leute um ihn herum gehen alle einen Schritt zur Seite.

Alles geschieht nun wie in Zeitlupe

Kon­rad nimmt aus den Augen­win­keln eine Bewe­gung wahr, dreht sich kurz zur Seite. Er erkennt den frü­he­ren Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­den. Die­ser läuft neben einem jün­ge­ren Mann, den Kon­rad als Win­fried Schmitts Sohn zu erken­nen glaubt. Der jün­gere Mann reißt den Mund auf, ruft etwas. Es klingt wie „Mut­ter“.

Alles geschieht nun wie in Zeit­lupe. Aus dem Audi­max kom­men Poli­zis­ten, sie grei­fen nach ihren Waf­fen. Kon­rad sieht, wie die Sport­le­rin in einer anmu­ti­gen Bewe­gung den rech­ten Arm hebt. Exakt 90 Grad. Dann wird die Stille zer­ris­sen, regel­recht zer­fetzt. Inner­halb weni­ger Sekun­den feu­ert die Sport­le­rin fünf Schüsse auf Win­fried Schmitt ab.

Das Ding ist tat­säch­lich eine Pis­tole, denkt Kon­rad ent­setzt.

Win­fried Schmitt wird mit jedem Tref­fer ein Stück wei­ter nach hin­ten geschleu­dert, letzt­end­lich zu Boden gewor­fen. Fünf Tref­fer. Die Sport­le­rin lässt den Arm sin­ken. 45 Grad.

Wie­der ein Schuss. Dies­mal von ande­rer Stelle aus abge­feu­ert. Wahr­schein­lich von einem der Poli­zis­ten, die gerade aus dem Audi­max gestürmt sind. Die Sport­le­rin zuckt, ihre beige Bluse färbt sich in der Brust­ge­gend rot. Sie bleibt einen Moment ste­hen. Dann lässt sie die Waffe fal­len, sinkt zu Boden.

Das Letzte, was Kon­rad erkennt, bevor er ohn­mäch­tig wird, sind der frü­here Per­so­nal­rats­chef und sein jun­ger Beglei­ter, die sich zu der am Boden lie­gen­den Frau bücken.

Mehr über die Zombieparade und den ganzen Rest

Wie gesagt, ihr könnt den Krimi trotz­dem unvor­ein­ge­nom­men lesen. Die­ser Spoi­ler betrifft nur eine Neben­hand­lung. Mehr Infos zu die­sem und mei­nen ande­ren Wer­ken fin­det ihr in der Rubrik Meine Bücher.

Buchcover von Arne Dessauls Kriminalroman „50“