Heute geht es um meinen dritten Krimi, der ursprünglich mal „Zombieparade“ heißen sollte, weil alte Leute zu einer Parade eingeladen werden. Am Ende entschied ich mich dagegen und schwenkte um auf „50“, weil exakt 50 Zombies, äh 50 Menschen an dieser Parade teilnehmen, da diese Parade zu Ehren der Ruhr-Uni Bochum stattfindet, die ihren 50. Geburstag feiert. So schließt sich der Kreis.
Gegen Ende des Buches schließen sich jede Menge Kreise, weil es jede Menge parallele Handlungsstränge gibt. Ich präsentiere euch das absolute Ende dieser Geschichte mitsamt des letzten Mordes. Ausnahmsweise verrät dieses Ende längst nicht alles.
Ach so: Wir befinden uns auf dem Forum der Ruhr-Uni, unmittelbar nach dem sehr getragenen Festakt zum runden Geburtstag.
Nach der Zombieparade
„Volksnah? Modern?“ Konrad kaut ein paar Sekunden auf diesen Worten herum, aber er kann sie weder zerbeißen noch ihre Bedeutung erkennen. Er lässt den Blick über das Forum schweifen, streift dabei die stetig schrumpfende Gruppe der wichtigen Leute, entdeckt dann in etwa 20 oder 25 Metern Entfernung und damit praktisch mitten auf dem Platz eine zierliche Frau mit dunklen Locken. Sie steht einfach da, eine Sporttasche in der Hand.
Vielleicht ist sie auf dem Weg zu den Turnhallen unterhalb des Mensagebäudes, denkt Konrad, sieht jedoch sofort ein, wie unrealistisch diese Mutmaßung ist. Eine Frau, die bestimmt zwischen 50 und 60 ist, geht wohl kaum am Samstagmittag zusammen mit Studenten in die Turnhalle. Höchstwahrscheinlich finden samstagmittags ohnedies keine Sportkurse statt.
Nein, diese Frau hat ein anderes Ziel
Nein, diese Frau hat ein anderes Ziel.
Konrad blickt nun wieder Laarmann an, doch der schaut in diesem Moment ganz woanders hin. Er hat die Frau gar nicht bemerkt. Konrad sieht sich um, offenbar hat niemand die Fremde wahrgenommen. Alle sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Deshalb sieht außer Konrad niemand, wie die Frau ihre Sporttasche abstellt, wie sie sich bückt, wie sie die Tasche öffnet, einen Umschlag sowie einen Gegenstand herausnimmt, der zu klein ist, als dass Konrad ihn auf diese Entfernung erkennen könnte. Die schlanke Frau legt den Umschlag neben die Tasche, stellt das andere Ding darauf ab.
Konrad kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Das hilft tatsächlich, wahrscheinlich erhöht er seine Sehfähigkeit auf den anatomischen Wunderwert von 104 Prozent. Er erkennt, dass es sich bei dem kleineren Gegenstand scheinbar um einen kleinen Pokal handelt. Die Frau legt den Pokal auf den Umschlag, der wiederum auf einer Steinplatte liegt. All das hat etwas Rituelles an sich. Aber das wäre doch hochgradig absurd, meint Konrad.
Fasziniert und zugleich ängstlich beobachtet er die Frau. Sie zieht sich gerade vorsichtig eine weiße Baseballkappe über den Kopf, greift danach erneut in die Sporttasche. Konrad mag seinen superscharfen Augen kaum trauen, denn nun hat die Frau wuchtige schwarze Kopfhörer in der Hand, steckt sich diese über die weiße Kappe. Sie sieht nun nicht mehr aus wie eine zierliche Frau mit Locken zwischen 50 und 60, eher wie eine Sportlerin.
Ein Ding, das entfernt aussieht wie – eine Pistole!
Die Sportlerin, Konrad beschließt, sie fortan im Geiste so zu nennen, holt nun erneut etwas aus ihrer Tasche, ein Ding, das entfernt aussieht wie – eine Pistole! Die Sportlerin betrachtet kurz dieses Ding (Konrad beschließt, es fortan im Geiste vorsichtshalber „Ding“ zu nennen), verändert dann ihre Position um etwa 90 Grad. Nun streckt die Sportlerin kurz den rechten Arm um ebenfalls 90 Grad nach vorn. Konrad hat den Schrei in der Kehle (denn in der rechten Hand hält die Sportlerin das Ding), doch dann senkt sich der Arm der Sportlerin wieder.
Konrad möchte wetten, dass der Arm sich genau um 45 Grad senkt. Doch es ist niemand zum Wetten da. Alle Anwesenden sind beschäftigt. Laarmann steht neben ihm, er unterhält sich mit Gerda Braun; Konrad hat die Sekretärin überhaupt nicht kommen gehört. Konrad blickt sich ein weiteres Mal um. Die Situation ist unverändert: Die Sportlerin hält das Ding in der Hand, niemand nimmt Notiz von ihr. Er fragt sich, wo sich die vielen Personenschützer, Polizisten und die Leute des privaten Sicherheitsdienstes gerade aufhalten mögen.
Dann fällt ihm ein, dass ein Teil der Sicherheitskräfte vorhin zusammen mit dem Bundespräsidenten abzog; ein weiterer Teil sichert gerade die Abfahrt der Ministerpräsidentin. So bleibt niemand übrig, der auf die Sportlerin achten könnte, die dieses Ding in der rechten Hand hält, den rechten Arm um 45 Grad gesenkt.
Konrad fühlt sich wie vor einem Duell in einem Westernfilm
Die Sportlerin steht dort einfach, sie strahlt – selbst auf die Entfernung von ungefähr 30 Metern – eine unglaubliche Ruhe aus. Sie wirkt in höchstem Maße konzentriert. Und sie scheint zu warten. Wartet sie womöglich auf ein Kommando?
Konrad fühlt sich wie vor einem Duell in einem Westernfilm. Ein Duell, dass er verlieren würde, denn er steht dort im wahrsten Sinne des Wortes wie angewurzelt, kann nicht einmal den Arm heben. Er bringt keinen Ton heraus. Er hat auch kein Ding in der Hand. Zum Glück ignoriert die Sportlerin ihn vollkommen, sie fixiert vielmehr die Gruppe mit dem Rektorat und der verbliebenen Politprominenz.
Wenn die jetzt den Bundestagspräsidenten oder den Bischof erschießen will, denkt Konrad, um Gotteswillen, das muss ich doch verhindern. Endlich will er irgendetwas tun, etwas rufen, doch dafür ist es nun zu spät. Genau in diesem Moment kommt in die Gruppe um das Rektorat endlich Bewegung. Die Rektorin zeigt in Richtung der Frau, sie spricht dabei offenbar Winfried Schmitt an, der sich zu der Frau umdreht.
Schmitts Reaktion kann Konrad nicht erkennen, denn Schmitt wendet ihm den Rücken zu.
Die Sportlerin hält das Ding in der Hand, den Arm schräg nach unten. 45 Grad.
Konrad steht dort weiterhin wie gelähmt. Genau wie Winfried Schmitt. Die Leute um ihn herum gehen alle einen Schritt zur Seite.
Alles geschieht nun wie in Zeitlupe
Konrad nimmt aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr, dreht sich kurz zur Seite. Er erkennt den früheren Personalratsvorsitzenden. Dieser läuft neben einem jüngeren Mann, den Konrad als Winfried Schmitts Sohn zu erkennen glaubt. Der jüngere Mann reißt den Mund auf, ruft etwas. Es klingt wie „Mutter“.
Alles geschieht nun wie in Zeitlupe. Aus dem Audimax kommen Polizisten, sie greifen nach ihren Waffen. Konrad sieht, wie die Sportlerin in einer anmutigen Bewegung den rechten Arm hebt. Exakt 90 Grad. Dann wird die Stille zerrissen, regelrecht zerfetzt. Innerhalb weniger Sekunden feuert die Sportlerin fünf Schüsse auf Winfried Schmitt ab.
Das Ding ist tatsächlich eine Pistole, denkt Konrad entsetzt.
Winfried Schmitt wird mit jedem Treffer ein Stück weiter nach hinten geschleudert, letztendlich zu Boden geworfen. Fünf Treffer. Die Sportlerin lässt den Arm sinken. 45 Grad.
Wieder ein Schuss. Diesmal von anderer Stelle aus abgefeuert. Wahrscheinlich von einem der Polizisten, die gerade aus dem Audimax gestürmt sind. Die Sportlerin zuckt, ihre beige Bluse färbt sich in der Brustgegend rot. Sie bleibt einen Moment stehen. Dann lässt sie die Waffe fallen, sinkt zu Boden.
Das Letzte, was Konrad erkennt, bevor er ohnmächtig wird, sind der frühere Personalratschef und sein junger Begleiter, die sich zu der am Boden liegenden Frau bücken.
Mehr über die Zombieparade und den ganzen Rest
Wie gesagt, ihr könnt den Krimi trotzdem unvoreingenommen lesen. Dieser Spoiler betrifft nur eine Nebenhandlung. Mehr Infos zu diesem und meinen anderen Werken findet ihr in der Rubrik Meine Bücher.
